5 Fragen an: Maria Große Perdekamp, Leiterin der bke Onlineberatung „Erziehungsberatung ist für alle da“

„Erziehungsberatung ist für alle da“ erziehungsberarungJeder hat mal Probleme mit seinem Kind und fragt sich, ob die eigene Erziehungsstrategie die richtige ist. Wie lässt sich ein Problem lösen? Wie verhält man sich als Eltern richtig? Antworten auf diese Fragen kann eine Erziehungsberatung liefern. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Maria Große Perdekamp, Leiterin der Online-Beratungsstelle der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke) in Fürth, erklärt, wie so eine Beratung funktioniert.

starke-eltern.de:
1. Streit kommt in den besten Familien vor. Gibt es einen Punkt, wann Eltern eine Erziehungsberatung aufsuchen sollten?


Erziehungsberatung ist grundsätzlich für alle Fragen da – für die großen, aber auch für die kleinen Probleme. Alle Erziehenden können eine Beratung aufsuchen, wenn sie in irgendeinem Punkt nicht weiterkommen. Aus Erfahrung spüren Eltern selbst oft sehr genau, wann dieser Punkt erreicht ist. Man weiß nicht mehr, wie man sich richtig verhält, ist unsicher. Dann wächst der Wunsch, mit jemandem über das Problem zu sprechen und sich eine Meinung zu bilden. Genau dafür sind die Erziehungsberatungsstellen da: Erziehende zu unterstützen und ihnen fachlich mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Das ist übrigens eine Hilfe, die vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist. Alle Städte und Kommunen sind verpflichtet, ihren Bürgern Angebote zur Erziehungsberatung kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Alle Eltern haben Anspruch auf dieses Coaching – unabhängig in welcher Lebenslage sie stecken. Erziehungsberatung soll Eltern helfen, ihren Erziehungsauftrag zu erfüllen. Das ist ja auch nicht immer ganz leicht, gerade in schwierigen Phasen, z.B. in der Pubertät oder wenn Eltern sich trennen.

starke-eltern.de:
2. Ist da aber nicht auch eine innere Hürde? Viele Eltern denken doch bestimmt: Wenn ich in die Erziehungsberatung muss, habe ich es nicht aus eigener Kraft geschafft.


Es hat sich leider noch nicht flächendeckend rumgesprochen, dass Erziehungsberatung nicht nur für die großen Probleme da ist. Schon Schwangere können zu uns kommen und über die bevorstehende Zeit mit Kind sprechen. Ich vergleiche unser Angebot gerne mit dem Kinder- oder Zahnarzt. Auch dort gehen die Menschen hin und lassen sich bei kleinen Wehwechen helfen oder nutzen die Vorsorgeangebote. Die Erziehungsberatung bietet die gleichen Möglichkeiten. Wir coachen, helfen, begleiten, unterstützen – und zwar in jeder Lebenslage. Niemand muss sich problematisiert fühlen, nur weil er eine Erziehungsberatung aufsucht.

starke-eltern.de:
3. Wie läuft so eine Beratung ab?


Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Vor Ort in den Beratungsstellen gibt es einen Gesprächstermin. Die Erziehenden rufen an, schildern kurz ihr Anliegen und bekommen direkt den passenden Berater zugewiesen, der dann einen Termin vereinbart. In den Beratungsstellen arbeiten Psychologen und Psychologinnen mit verschiedenen Schwerpunkten – in der Regel ein multidisziplinäres Team, so dass für jede Lebenslage, z.B. für Fragen zu Kleinkindern, zu Trennung oder auch schulischen Problemen, ein ausgebildeter Berater da ist. Im Erstgespräch wird dann geschaut: Können wir heute den richtigen Impuls geben oder wird weitere Unterstützung benötigt? Viele Beratungsstellen bieten zusätzlich umfangreiche Therapie- und Diagnosemöglichkeiten, zum Beispiel eine Familientherapie oder eine Diagnostik für Lernschwierigkeiten. Wenn Eltern z.B. in die Beratung kommen, weil ihr Kind in der Grundschule Probleme hat, können wir schauen, ob eine Lernstörung dahintersteckt. Und auch wenn die Beratungsstelle vor Ort zu klein ist, um individuelle Therapien anzubieten, sind die Berater in der Regel so gut vernetzt, dass sie Eltern weitere Hilfsmöglichkeiten nennen und vermitteln können. Was ganz wichtig ist: In allen Beratungstellen besteht absolute Schweigepflicht! Keine der Informationen, die in den Gesprächen genannt werden, darf ohne Einwilligung der Eltern weitergegeben werden. Es muss sich also niemand sorgen, dass seine Probleme öffentlich werden, wenn er zu uns kommt.

starke-eltern.de:
4. Eltern können sich auch online beraten lassen. Wie funktioniert das?


Unsere Online-Angebote werden sehr gut angenommen, wir haben allein im letzten Jahr über 4500 Registrierungen auf unserer Seite gehabt. Viele Eltern haben aufgrund von Beruf und den Anforderungen in der Familie keine Zeit, einen Termin in einer Beratungsstelle zu machen. Sie suchen zwar Hilfe, aber die sollte möglichst einfach zu erreichen und flexibel in der Gestaltung sein. Die Online-Beratung funktioniert rund um die Uhr, man kann sie z.B. auch ganz bequem abends oder am Wochenende nutzen. Andere Menschen haben Probleme, mit denen sie sich nicht trauen, in eine Beratung zu gehen. Da unser Online-Angebot anonym ist, kommt das diesen Eltern sehr entgegen.
So besteht die Möglichkeit uns eine Mail zu schreiben, die immer innerhalb von 48 Stunden beantwortet wird. Alternativ bieten wir auch Einzelchats mit Beratern an oder spezielle Themenchats, aktuell zum Beispiel zum Thema ADHS. Wir haben auch ein Forum, in dem sich Eltern auch gegenseitig Tipps geben können. Sehr beliebt sind auch die Gruppenchats von bis zu 10 Eltern, die von einem Erziehungsberater moderiert werden. Hier kann man sich austauschen und auch anderen helfen. Auch hier gilt natürlich die Pflicht, dass sich jeder sicher und geschützt fühlt. Unsere Seiten sind SSL-Verschlüsselt und jeder kann sich mit einem Nick anmelden. Niemand muss seine persönliche Daten nennen, um online unsere Hilfe zu bekommen.

starke-eltern.de:
5. Ist die Beratung nur für Eltern?


Erziehungsberatung richtet sich an alle Erziehenden – leibliche Eltern, Pflegeeltern, Adoptiveltern oder auch erziehende Großeltern. Alle Menschen, die mit Kindern zwischen 0 und 21 Jahren leben oder diese begleiten, sind bei uns willkommen. Natürlich steht auch nahen Angehörigen die Tür bei uns offen, wenn ein Erziehungsproblem in der Familie beobachtet wird, die Großmutter sich zum Beispiel Sorgen um den Enkel macht. Wir schauen uns die Situation dann an und geben Hilfestellung, was die Großmutter in diesem Fall machen kann, damit es dem Enkel besser geht. Auch Kinder und Jugendliche selbst können sich an uns richten – das wissen viele nicht. Erziehungsberatung klingt für Kinder ja erstmal nicht so positiv, weil sie nicht erzogen werden wollen. Aber wenn es Probleme mit den Eltern gibt, kann das bei uns angesprochen werden. Natürlich ohne dass die Eltern davon erfahren. In vielen Städten gibt es dafür auch spezielle Jugendberatungsstellen. Auch Online haben Jugendliche bei uns die Möglichkeit, sich an uns zu wenden. Wir sind für alle da.

Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. ist online zu finden unter www.bke-beratung.de. Dort finden Erziehende und Jugendliche auch die Online-Beratungsmöglichkeiten und eine Postleitzahlensuche für Beratungsstellen vor Ort.

starke-eltern.de:
Liebe Frau Große Perdekamp, vielen Dank für das Gespräch.
maria grosse pferdekampMaria Große Perdekamp
Leiterin der bke Onlineberatung
Viele Beratungsstellen bieten zusätzlich umfangreiche Therapie- und Diagnosemöglichkeiten, zum Beispiel eine Familientherapie oder eine Diagnostik für Lernschwierigkeiten.
Andere Menschen haben Probleme, mit denen sie sich nicht trauen, in eine Beratung zu gehen. Da unser Online-Angebot anonym ist, kommt das diesen Eltern sehr entgegen.