5 Fragen an: Katja Zimmermann, Autorin „Alleinerziehende sind auch eine Familie“

„Alleinerziehende sind auch eine Familie“

Schwanger mit Zwillingen – für Katja Zimmermann scheint das Glück perfekt. Ihr langjähriger Freund sieht das jedoch anders und lässt sie allein. Der Schock sitzt tief, doch Katja lässt sich nicht unterkriegen. Im Januar erschien ihr Buch „Esst Euer Eis auf, sonst gibt es Pommes“ - in dem sie über die Jahre als alleinerziehende Mutter mit Zwillingen berichtet. Keine einfache, aber dennoch wunderschöne Zeit, wie die Zweifachmama unserer Autorin im Interview erzählt.

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1. Liebe Frau Zimmermann, 265 Seiten randvoll mit Geschichten einer alleinerziehenden Mutter von Zwillingen. Woher kam der Impuls, Ihre Erfahrungen auf Papier zu bringen?


Als ich vor 12 Jahren schwanger war und wusste, dass ich Zwillinge bekomme, wollte ich mich natürlich informieren. Damals gab es aber nur sehr wenige Bücher und diese waren auch nur sehr sachliche Ratgeber. Ich hätte mir sehr gewünscht, etwas zu lesen, dass mich aufmuntert und mich mal zum Lachen bringt. In den Büchern von damals habe ich aber immer nur gelesen, dass es eher schlimm ist, alleinerziehend zu sein. Man ist total überfordert und hat finanzielle Probleme. Das hat mir natürlich noch mehr Angst gemacht. Als die Kinder dann da waren, habe ich aber gemerkt: Es gibt so viele schöne Seiten an meinem Leben – gerade als Alleinerziehende. Ich habe in den ganzen Jahren wirklich gelernt, dass Glück nicht davon abhängt, eine perfekte Kleinfamilie zu sein. Wenn ich das früher gewusst und nicht immer nur gedacht hätte, „Ohne Mann bin ich unperfekt“, dann hätte ich mein Leben mit den Kindern sicher noch deutlich mehr genießen können. Aus diesem Impuls heraus ist der Wunsch entstanden, dieses Buch zu schreiben. Ich möchte anderen Frauen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind wie ich zeigen: Hey, genießt es. Es geht auch ohne Mann. Und ich möchte natürlich allen anderen zeigen, dass dieses Image der Unvollständigkeit, dass Alleinerziehende wie einen Stempel tragen, nicht stimmt. Wir sind auch eine Familie!

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2. Zwillinge groß zu ziehen, ist für Paare aber schon eine Herausforderung. Wie haben Sie das alleine geschafft?


Als ich schwanger war, wusste ich noch nicht so genau, was auf mich zukommt – ich hatte ja noch keine Erfahrung als Mutter. Als die Babys dann da waren und mir so langsam bewusst wurde, was da auf mich zukommt, dachte ich natürlich nur: Oh Gott, wie soll ich das schaffen? Ich habe mir dann aber ziemlich schnell eine gehörige Portion Pragmatismus erlaubt und mich vom Perfektionismus verabschiedet. Es ist ja nunmal so, dass die Mütter in Deutschland einen sehr hohen Anspruch an sich selbst haben. Man will eine tolle Mutter sein, gleichzeitig gut aussehen und noch arbeiten gehen. Mir war klar: Alleine kann ich diesen Ansprüchen nicht gerecht werden. Das hat es schon mal leichter gemacht. Meine Wohnung war zum Beispiel ständig total chaotisch, weil ich durch die Betreuung der Zwillinge einfach keine Zeit zum Aufräumen hatte. Da musste ich eben Prioritäten setzen. Gleichzeitig war ich natürlich sehr strukturiert und diszipliniert, anders wäre es auch nicht gegangen. Wenn nachts eins der Baby wach geworden ist und ich stillen musste, habe ich z.B. das andere auch gleich geweckt und es ebenso gestillt. Und tagsüber hatte ich die Devise: Störe nie ein zufriedenes Kind. Wenn die beiden auf der Krabbeldecke lagen und mit sich selbst genug waren, war es mein Grundsatz keins der Kinder hochzunehmen und zu kuscheln – auch wenn ich das Bedürfnis hatte. Ich habe mir gesagt: Als Kinder einer alleinerziehenden Mutter müssen die beiden lernen, das nicht immer jemand da ist. Ich kann mich ja schließlich nicht immer kümmern. Das habe ich ziemlich konsequent durchgezogen und dafür nicht immer Verständnis aus meinem Umfeld bekommen. Ich habe mich zum Beispiel auch gerne in ein bestimmtes Cafe gesetzt und die Kinder im Kinderwagen nach draußen vor das Fenster gestellt. Die Kinder waren so an der frischen Luft und ich konnte mal 10 Minuten in Ruhe einen Kaffee trinken. Andere Mütter waren da verständnislos und fragten: „Hast du keine Angst, dass deine Kinder entführt werden?“ - Natürlich nicht! Ich sah sie ja die ganze Zeit durch das Fenster. Ich musste halt immer überlegen, wie ich gut durchkomme, ohne meine ganze Energie zu verbrennen. Es hat einfach wahnsinnig viel Kraft gekostet. Ich habe deshalb auch wirklich jede Hilfe angenommen, die ich bekommen konnte. In den ersten Monaten war fast jeden Abend Hilfe aus meinem Freundeskreis da. Meine Freunde haben sich sogar untereinander organisiert, um mir unter die Arme zu greifen. Ich hatte aber auch keine Skrupel, alle möglichen Leute zu fragen.

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3. Wie sehen Sie die Lage für alleinerziehende Mütter und Väter in Deutschland?


Schwierig. Es gibt eine ganze Menge Stolpersteine, vor allem die fehlende Steuergerechtigkeit und die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In den Städten ist es noch etwas leichter, da das Angebot der Betreuungszeiten größer ist. Auf dem Land hat der Kindergarten ja oft nur bis 12 Uhr auf – wie soll man da einem Beruf nachgehen? Ich persönlich hatte Glück, da ich freiberuflich arbeite und mir meine Zeit selbst einteilen kann. Für alle anderen ist es wahnsinnig schwer, das Leben mit Kindern und Beruf auf die Reihe zu bekommen und genügend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Armutsfalle ist groß. Da sind uns andere Länder, wie England, Skandinavien oder Frankreich, einige Schritte voraus.

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4. Welche Veränderungen würden Sie sich wünschen?


Von der Politik wünsche ich mir ganz klar, den weiteren Ausbau der Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeitmodelle. Unser Arbeitszeitmodell basiert auf dem Alleinverdienerprinzip – es gibt eine Kleinfamilie und einer geht Vollzeit arbeiten. So ist das aber ganz häufig eben nicht. Nicht nur, dass sich viele Familien es gar nicht leisten können, dass nur einer arbeiten geht: Wir haben in Deutschland auch immer mehr Alleinerziehende, die eben nicht nur Teilzeit arbeiten können. Ich würde mir daher auch wünschen, dass die Kinderbetreuung in den Betrieben ausgebaut wird und Arbeitgebern ihren Mitarbeitern flexiblere Möglichkeiten an die Hand geben, ihren Beruf zu gestalten. Man muss ja z.B. nicht immer zwingend im Büro sitzen, um zu arbeiten. Vieles kann man auch im Homeoffice machen. Es gäbe viele tolle Alternativen zu der bestehenden Präsenzkultur in unserem Land. Dann würde ich mir wünschen, dass die Unterhaltszahlungen strenger geregelt werden und Männer, die nicht zahlen, konsequenter verfolgt werden. Und ein neues Steuermodell wäre auch gut – denn als Alleinerziehende habe ich keinerlei steuerliche Vorteile, wie es Verheiratete haben. Ebenso wichtig ist die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, die ja bereits in Planung ist, aber derzeit noch von den Bundesländern blockiert wird. Das der durchgesetzt wird, finde ich sehr wichtig, weil er gerade Frauen, die arbeiten, hilft, aus der Hartz 4 Aufstockung rauszukommen. Mein allergrößter Traum aber wäre es, dass sich das Denken in den Köpfen aller verändert und Alleinerziehende genauso respektiert und geachtet werden wie Mama-Papa-Kind-Familien. Wir haben in Deutschland so viele verschiedene Modelle von Familie, trotzdem halten alle am vermeintlich perfekten Modell der Kleinfamilie fest. Das nervt mich sehr. Ich bin keine Familie zweiter Klasse, nur weil ich keinen Partner habe.

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5. Welche Tipps können Sie anderen Alleinerziehenden geben?


Der Allerwichtigste ist bestimmt: Springt über Euern Schatten und fragt nach Hilfe. Der große Fehler vieler Alleinerziehender ist, dass sie denken, die anderen würden schon sehen, dass sie Hilfe brauchen. Diese Erwartungshaltung wird aber nicht immer erfüllt, das weiß ich! Man muss fragen, bitten, nachfragen, dran bleiben und immer ganz direkt sein: So sieht es bei mir aus! Kannst du mir helfen? Meine Erfahrung ist wirklich: Je ehrlicher man seine Bedürfnisse benennt, desto mehr Hilfe bekommt man. Und der Kontakt zu anderen tut gut – nicht nur zur Unterstützung in bestimmten Situationen, sondern einfach auch, um Erwachsene um sich herum zu haben und sich mal austauschen zu können. Daneben sorgt das soziale Netzwerk auch dafür, dass man ab und zu Freiräume hat. Das ist auch total wichtig, um Kraft zu tanken. Ich habe aber auch ganz bewusst häufig darauf verzichtet, mir z.B. neue Kleidung oder andere Dinge zu kaufen, weil ich das Geld lieber für einen Babysitter ausgegeben habe. Abgeben, loslassen, sich um sich selbst kümmern: Für mich war das sehr wichtig und hat mir ganz sicher geholfen, auch schwierige Zeiten durchzustehen. Daneben natürlich der Austausch mit Gleichgesinnten. Ich habe mich im Internet in Foren für Alleinerziehende angemeldet, Blogs gelesen und Muttergruppen besucht. Das war wirklich gut. Was mir aber auch noch auf dem Herzen liegt, ist die innere Einstellung. Ich möchte allen Alleinerziehenden sagen: Lasst Euch nicht einreden, das euch etwas fehlt! Kommt raus aus dem zermürbenden Gefühl, ein Defizit zu haben. Jammern hilft nicht – schaut auf die positiven Seiten Eures Lebens. Was Ihr schafft und macht, ist großartig!

Buchtipp: Katja Zimmermann: Esst Euer Eis auf, sonst gibt es keine Pommes. Meine Abenteuer als Alleinerziehende. Ullstein Verlag, Januar 2017, 9,99 Euro

Das Buch von Katja Zimmermann finden Sie in unserer aktuellen Buchempfehlung.

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Liebe Frau Zimmermann, vielen Dank für das Gespräch.
katja zimmermannKatja Zimmermann
Autorin
Ich habe mir dann aber ziemlich schnell eine gehörige Portion Pragmatismus erlaubt und mich vom Perfektionismus verabschiedet.
Die Armutsfalle ist groß. Da sind uns andere Länder, wie England, Skandinavien oder Frankreich, einige Schritte voraus.
Es gäbe viele tolle Alternativen zu der bestehenden Präsenzkultur in unserem Land.