Wenn alles zuviel wird: Schulstress bei Kindern

Bammel vor der Mathearbeit, schlechte Laune, weil die Vokabeln nicht in den Kopf wollen: Das kennt jeder (Ex-)Schüler. Doch leider leiden immer mehr Schüler dauerhaft unter Ängsten, Überforderung und Mobbing. Sie stecken mitten im Schulstress. Eine Belastung, die krank machen kann.
 

Die Ursachen

Die Angst vor schlechten Noten und schulischem Versagen dominiert deutsche Schülerseelen, so das Ergebnis des letzten großen „Kinderbarometers“ im Jahr 2007, in dem über 6000 Schüler befragt wurden. Was zählt ist Leistung – das haben selbst die meisten Grundschüler schon verstanden. Nach der vierten Klasse entscheidet sich, wer aufs Gymnasium darf und wer auf Real- oder Hauptschule gehen muss. Letztere stellen heute für die meisten Eltern keine befriedigende Alternative dar. Hauptschulen sind allerorten mangels Anmeldungen vom Aussterben bedroht. Die Gymnasien hingegen müssen anbauen – um die ganzen angemeldeten Schüler in den fünften und sechsten Klassen unterbringen zu können. Aber ab der siebten reguliert es sich ein wenig. So mancher hat das Leistungsschiff Gym bis hier bereits verlassen (müssen).

Dahinter stehen traurige Geschichten. Kinder, die von ihren Eltern überredet werden trotz einer Realschulempfehlung aufs Gymnasium zu gehen. Kinder, die selbst unbedingt dorthin wollen. Kinder, die versuchen, mit ihren Freunden mitzuhalten. Das alles erzeugt enormen Druck, Leistungsdruck. In manchen Bundesländern müssen die kleinen Viertklässler sogar Probestunden oder „Aufnahmeprüfungen“ absolvieren, um auf die gewählte Schule zu kommen. Da liegen die Nerven blank.

Dabei haben nicht nur die Kids Stress, die auf der Real- oder Hauptschule viel besser in ihrem Tempo hätten lernen können. Mit der Einführung von G8 fällt es selbst den Einser-Grundschülern schwer, den gymnasialen Anforderungen gerecht zu werden. Lange Schultage, viele Hausaufgaben, Klausurvorbereitungen, Referate und Co. : Da droht an manchen Tagen auch der schlauste Kopf zu platzen.

Schulstress ist altersunabhängig. Falsche Schulwahl und straffe Lehrpläne können die Auslöser sein. Der Stress chronifiziert sich dann mangels Änderungen (z.B. Schulwechsel, Nachhilfe). Andere Ursachen sind aber auch psychische Probleme (geringes Selbstbewusstsein, etwas beweisen wollen) oder erzieherische Hintergründe(Druck von den Eltern, Sehnsucht nach Anerkennung, Nacheifern von Geschwisterkindern…), ein schlechtes Verhältnis zu Lehrkräften (Benachteiligung, Antipathie, Angst) oder Mobbing.
 

Wir wollen doch nur das Beste

Die schulische Ausbildung hat in unserer Gesellschaft einen großen Stellenwert. Zu Recht, sorgt sie doch für die Grundlage unseres beruflichen und gesellschaftlichen Lebens. Doch Schule soll Spaß machen – ein Kernpunkt, der leider oft verloren geht.

Dass heute schon viele Grundschüler unter enormen Schulstress stehen, verblüfft und ist doch Realität. Strichlisten über vergessene Hausaufgaben, Mamis und Papis, die stundenlang neben dem Nachwuchs sitzen und „helfen“ wollen, Diskussionen über Freizeit und Schulverhalten („Du hättest aber noch lernen können!“) Geldgeschenke für Einser und Zweier und leere Taschen und Sorgenblick bei Dreiern und Vierern: Im Wunsch, ihr Kind zu unterstützen und zu fördern, schießen so manche Eltern über das Ziel hinaus. Was übrig bleibt beim Kind ist die Sorge zu versagen und die große Frage: „Was bin ich überhaupt wert, wenn ich schlecht in der Schule bin?“
 

Erste Anzeichen

Viele Kinder, die Angst vorm Versagen haben, neigen zu Passivität. Die Hausaufgaben werden gerne liegen gelassen oder immer weiter vor sich hergeschoben. Morgens kommen sie nicht in Gang, bummeln so langsam, dass sie den Bus verpassen. In der Schule werden sie immer stiller, beteiligen sich kaum oder nur wenig.

Andere neigen im Stress zur Überaktivität. Im Wunsch, alles richtig zu machen, werden sie zappelig und damit unaufmerksam. Die Beine wippen unterm Tisch, irgendwas muss zwischen den Fingern befummelt werden, die Fingernägel sind raspelkurz oder die Hausaufgaben wimmeln nur so vor Flüchtigkeitsfehlern. Wiederum andere fangen an sich zurückzuziehen, treffen sich nicht mehr mit Freunden, haben keinen Appetit mehr oder stopfen alles in sich rein.

Auch häufige Bauchschmerzen, Kopfweh, Einschlaf- oder Durchschlafstörungen können ein Hinweis dafür sein, dass Ihr Kind etwas quält. Wenn Ihnen als Eltern Verhaltensänderungen an Ihrem Kind auffallen, die atypisch und ungewöhnlich sind, sollten Sie das in jedem Fall hinterfragen!
 

Alles im Blick haben

Kinder brauchen einen sicheren und stabilen Gegenpol zu Schule. Freunde und Verabredungen, ein gutes Verhältnis zu den Eltern und Geschwistern, Ruhezeiten, Bewegung und gutes, gesundes Essen: Sind diese Faktoren im Leben eines Kindes gesichert, kann die Schule allein kaum zum Stresskollaps führen. Gefährlich wird es, wenn auch hier Belastungen entstehen. Beispiele sind:

Der große Krach mit der Freundin, Streit oder Trennung der Eltern, zu viele Termine und Verpflichtungen außerhalb der Schule (Freizeitstress), keine Rückzugsmöglichkeiten (z.B. gemeinsames Zimmer mit Geschwistern), Einsamkeit
 

Was können Eltern tun

Die erste Devise für Eltern lautet: Locker bleiben! Wenn nach der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung vorliegt, ist das kein Drama. Fragen Sie Ihr Kind, was es sich vorstellt und wünscht. Wenn es eine Aufnahmeprüfung machen will oder aufgrund enger Freundschaft „probeweise“ aufs Gym gehen will, ist das okay. Ansonsten gilt: Erlauben Sie Ihrem Kind auf die Schule zu gehen, die seinen jetzigen (und von den Lehrkräften bescheinigten) Fähigkeiten entspricht. Es führen nicht nur viele Wege nach Rom, sondern auch zum Abitur. So mancher Hauptschüler hat über viele Umwege nicht nur die Hochschulreife, sondern auch den Doktor-Titel gemacht.

Ganz wichtig ist Reden! Wenn Sie merken, dass Ihr Kind angespannt ist oder nur noch mit Bauchweh zu r Schule mag, fragen Sie, was los ist. Zuhören und ausreden lassen, ist hier Eltern-Grundgesetz!

Beziehen Sie auch nicht gleich Stellung („Naja, wenn du nie lernst, kein Wunder!“), sondern stellen Sie offene Fragen („Was denkst du, könnte dir das Lernen erleichtern?“). Wichtig ist auch die Rücksprache mit dem Klassenlehrer/der Klassenlehrerin. Bitten Sie um ein Gespräch unter vier Augen (Sie und die Lehrkraft), später um ein weiteres, um gemeinsam mit Ihrem Kind Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Und noch ein Tipp: Machen Sie was Schönes mit ihrem Schulkind. Ein dickes Sahneeis am Nachmittag, Kuscheln auf dem Sofa und dabei ein schönes Buch vorlesen, von der eigenen Schulzeit erzählen – stärken Sie Ihr Kind mit einer guten Beziehung zu Ihnen! Diese „Schönen Momente“ sind auch eine tolle Extra-Belohnung für gute Noten. Und wenn das Kind eine schlechte Zensur nach Hause bringt? Nicht schimpfen! Umarmen und Trost spenden. „Nächstes Mal wird es besser! Ich glaube fest an dich!“

Autorin: Bettina Levecke