Gesellschaftliches Engagement in der Pubertät

Engagement - der „soziale Kitt” der Gesellschaft

In vielerlei Hinsicht werden Jugendliche heute darin bestärkt, sich in erster Linie um sich selbst zu kümmern. Die Leistungsgesellschaft ruft zu mehr Karrieredenken auf, schon früh lernen Kinder, dass sie ihre berufliche Zukunft aufs Spiel setzen, wenn sie sich nicht rechtzeitig bemühen. Ein Teil schafft es, die Anforderungen zu erfüllen und eine gute Ausbildung zu „ergattern“, ein anderer Teil, sozial meist ohnehin benachteiligt, resigniert oft in jeder Hinsicht. Ambitionierte Eltern und Kinder wollen auch aus der Freizeit das Beste „herausholen“, da löst im vollgestopften Terminkalender der Reitunterricht die Klavierstunde ab und schon bleibt neben all den Verpflichtungen einfach keine Zeit für andere Dinge. Jeder ist ja seines Glückes Schmied, das heißt: Du bist selbst dafür verantwortlich, aus all den Angeboten das beste herauszusuchen und Dir einen optimalen Lebenslauf daraus zu basteln. Hauptsache Du bist gut drauf und siehst klasse aus. „Glücklich sein“ steht ganz oben auf der Wunschliste und selbst Religion und Spiritualität werden Mittel zum Zweck. Doch gerade in dieser auf Individualisierung und nicht selten Nabelschau gepolten Welt ist es besonders wichtig, Heranwachsende für gesellschaftliches Engagement zu begeistern. Mit Leidenschaft und Spaß an einem Projekt zu arbeiten, das nicht direkt mit dem Erfüllen persönlicher Bedürfnisse zu tun hat, sondern damit, anderen Menschen zu helfen, kann dem Dasein einen ganz neuen Sinn geben. Etwas zu tun und am großen Ganzen mitzugestalten ist eine Erfahrung, die Heranwachsende fürs Leben prägt. Sie bauen Selbst-vertrauen auf, entwickeln Teamgeist und Durchhaltevermögen. „Frühe Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist ähnlich wie ein Impfpass, bei der sich unsere Jüngsten gegen Unselbständigkeit immunisieren“ so Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfs-werkes. Und alle Kompetenzen, die erlangt werden, sind auch in der Schule, im Beruf und im Privaten von großem Nutzen. Jugendliche lernen zum Beispiel in der Jugend-arbeit Verantwortung für Jüngere zu übernehmen oder beim Vorbereiten einer Aktion, wie man ein Projekt von Anfang bis zum Gelingen organisiert. Werte, die für eine funktionierende Gesellschaft wichtig sind, aber immer mehr an Stellenwert verlieren, können hier gelebt und erlebt werden: Verantwortung, Altruismus, Nächstenliebe, Solidarität. Soziale Beziehungen und ganze soziale Netzwerke werden gegründet, die nicht selten ein Leben lang halten. Und ein frühes Engagement scheint eine wichtige Voraus-setzung zu sein, auch im Erwachsenenalter etwas zu tun. Fast 83 Prozent derjenigen, die sich heute gesellschaftlich stark engagieren, haben dies bereits in der Kindheit und Jugend getan. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Kinderhilfswerks unter mehr als 900 ehrenamtlich Aktiven sowie Bundes-, Landes- und Kommunalpolitikern.
Mit Leidenschaft und Spaß an einem Projekt zu arbeiten,
das nicht direkt mit dem Erfüllen persönlicher Bedürfnisse zu tun hat, sondern damit, anderen Menschen zu helfen,
kann dem Dasein einen ganz neuen Sinn geben.

Wo können sich Jugendliche engagieren?

Die 17-jährige Karina ist seit drei Jahren ehrenamtliche Helferin beim „Deutschen Roten Kreuz“. Während ihre Mitschüler beim Rockkonzert vor der Bühne tanzen, steht sie lieber mit ihren Freunden und Kollegen hinter der Bühne, um bei Notfällen erste Hilfe zu leisten. Sie liebt diese Arbeit und möchte auf jeden Fall nach dem Abi Medizin studieren. Stefan, 15 Jahre alt, ist fast jeden Samstag auf dem Wochenmarkt und klärt dort Passanten über die Umweltorganisation, für die er sich engagiert, auf. Dabei muss er sich manchmal auch beschimpfen lassen, doch den meisten Menschen, die stehen bleiben und sich Zeit nehmen, kann er interessante Fakten berichten. Ein paar Gleichaltrige konnte er sogar schon begeistern, zur örtlichen Jugend-AG zu gehen und an Projekten mitzuarbeiten. „So habe ich das Gefühl, nicht nur über Umweltverschmutzung zu jammern, sondern wirklich etwas zu tun.“ Sabine, inzwischen erwachsen und Mutter eines kleinen Sohnes, engagiert sich schon seit ihrem zwölften Lebensjahr in der katholischen Kirchengemeinde. Dort hat sie bei vielen Projekten mitgewirkt, in denen zum Beispiel für Hilfsorganisationen Geld gesammelt wurde. Sie freut sich, anderen helfen zu können und schätzt auch das Gefühl, in der Gemeinde aufgehoben zu sein und sich mit anderen über Glaubensthemen austauschen zu können. Die Möglichkeiten für Jugendliche, sich zu engagieren sind groß. Vereine, Parteien, Kirchen und Initiativen freuen sich über Nachwuchs und haben meistens Angebote speziell für junge Leute. Aktives Helfen ist zum Beispiel in der freiwilligen Feuerwehr, beim „Roten Kreuz“ oder beim „Arbeiter-Samariter-Bund“ möglich. Organisationen wie „Greenpeace“ oder „Amnesty International“ haben Internetseiten, auf denen leicht herauszufinden ist, wann und wo sich Ortsgruppen treffen. Politisches Engagement ist in den Ortsparteien, aber auch in der Schülermitverwaltung möglich. In Kirchen, Gemeinden und Schulen werden immer wieder Engagementmöglichkeiten für Jugendliche geboten. Auch klassische Vereine wie die Pfadfinder oder auch Sportvereine bieten einen guten Einstieg. Beim „freiwilligen sozialen Jahr“ können junge Leute im Alter von 16 bis 27 für Taschengeld, Unterkunft und Verpflegung ein Jahr lang in gemeinwohlorientierten Einrichtungen praktische Hilfe leisten. Ein guter Anfang ist es auch, seine Fähigkeiten, zum Beispiel bei einem Konzert oder einem Basar dazu zu nutzen, Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Oder der alten Dame von nebenan beim Einkaufen behilflich zu sein. Denn jeder Einsatz zählt.
Eines von unzähligen Beispielen, wie Jugendliche
sich engagieren.

Wodurch werden Jugendliche zum Engagement motiviert?

Auf dem Weg zum Erwachsensein machen sich Jugendliche viele Gedanken zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Ein erwachendes Verantwortungsbewusstsein bringt viele dazu, Fragen zu stellen und sich engagieren zu wollen. Der Wunsch, mitzugestalten muss also gar nicht hervorgerufen, sondern eher aufgegriffen und gehört werden. „Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bedeutet, sie als Menschen ernst zu nehmen und bereit zu sein, ihre Lebenswirklichkeit, ihre Ideen und ihre Potenziale für die Mitgestaltung ihrer Umwelt anzunehmen“, so Marlene Rupprecht, Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages. Die meisten Jugendlichen werden durch Freunde auf eine Möglichkeit zum Engagement aufmerksam. Auch die Vorbildfunktion der Eltern, Lehrer und anderer Erwachsener, auch prominenter Idole, ist wichtig. Nicht alle Jugendlichen werden aber gleich gut an soziales Engagement herangeführt. Leider ist die soziale Herkunft von großer Bedeutung. „Es ist Besorgnis erregend“, so Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, “dass gesellschaftliches Engagement von jungen Menschen immer noch ein Mittelstandsphänomen ist. Nur 21 Prozent der Jugendlichen mit einem niedrigen Bildungsabschluss engagieren sich. Im Vergleich dazu setzen sich doppelt so viele Jugendliche (43 Prozent) mit einem hohen Bildungsniveau für die Gesellschaft ein.“ Das zeigt sich auch am Bildungsstand der heute erwachsenen Ehrenamtlichen. In der oben genannten Untersuchung des Deutschen Kinderhilfswerkes stellte sich heraus, dass 90 Prozent von ihnen einen Fach- bzw. Hochschulabschluss haben. Hohe Bildungsabschlüsse erleichtern offensichtlich die Übernahme ehrenamtlicher Funktionen in Politik und Vereinen bzw. Verbänden. Schön wäre es, vor allem auch die Jugendlichen zu Engagement bewegen zu können, die selber aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen, um ihnen dadurch Inhalt, Perspektive und Handhabe zu geben, ihre eigenen Lebensumstände zu verbessern. Gerade in den neuen Bundesländern machen sich leider rechtsradikale Gruppierungen das Bedürfnis der Jugendlichen zunutze, ernst genommen und gehört zu werden, für etwas einzustehen und eine Perspektive zu haben.
Schön wäre es, vor allem auch die Jugendlichen zu Engagement bewegen zu können, die selber
aus schwierigen sozialen Verhältnissen
kommen, um ihnen dadurch Inhalt, Perspektive und Handhabe zu geben,
ihre eigenen Lebensumstände zu verbessern.

Linktipps

http://www.vorbilder-bilden.de
“Vorbilder bilden” ist eine Kampagne der Bertelsmann Stiftung. Jugendliche werden hier motiviert, sich selbst zu engagieren und damit zum Vorbild für andere zu werden. Außerdem soll die Politik dazu aufgefordert werden, allen Kindern und Jugendlichen gesellschaftliches Engagement zu ermöglichen, indem sie entsprechende Rahmenbedingungen schafft.

http://www.pro-fsj.de
Informationen rund um das freiwillige soziale Jahr

http://www.bertelsmann-stiftung.de
„Sozialintegrative Potenziale bürgerschaftlichen Engagements für Jugendliche in Deutschland“, von Prof. Dr. Dr. Sebastian Braun, Universität Paderborn als pdf-Datei

http://www.sozial-macht-schule.de
Ganztagspraktiken der SMS dienen der Förderung des Engagements von Schülerinnen und Schülern bei der Entwicklung des sozialen Lernens und künftiger Freiwilligentätigkeiten. Sie bieten für den Übergang Schule / Beruf sehr gute Einblicke in die Arbeitswelt von Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens. Themenbereiche wie soziales Engagement, Freiwilligentätigkeit, Ehrenamt, Generationenvertrag, gesellschaftliche Solidarität und Würde des Einzelnen werden für die SchülerInnen praktisch erfahrbar und somit zum Gegenstand privater und beruflicher Lebensplanung.

http://www.jugendbeteiligung.info
Infoseite für Jugendliche

http://www.schueler-helfen-leben.de
Infoseite für Jugendliche

Autorin: Nikola Materne
 

Titel
Kinder- und Jugendbeteiligung
in Deutschland. Entwicklungsstand und Handlungsansätze


© Bertelsmann 2007
Autor
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
Zielgruppe Interessierte Bürgerinnen und Bürger
Verlag Verlag Bertelsmann Stiftung, 2007
Kategorie Sammelband
Bestellnummer 0718 W
Titel
Freiwilliges Engagement in der Reflexion - Zur Selbstdeutung helfender Tätigkeit bei jungen Erwachsenen im Kontext unterschiedlicher Organisationsformen

Autor
Abs, Hermann Josef
Zielgruppe Interessierte Bürgerinnen und Bürger
Verlag Lambertus-Verlag (2001)
Kategorie Taschenbuch
Bestellnummer 978-3784113777
Preis ca. 15,00 €