Wenn Eltern peinlich werden

„Oh man, Mama!“ stöhnt der 15jährige Matthis, verdreht die Augen und schaut seine Mutter Anke vorwurfsvoll an. „Das ist so peinlich!“ Anke stutzt. „Ich hab dir doch nur die Jacke zu gemacht?!“ Das hätte sie besser bleiben lassen sollen, vor allem vor Matthis Freunden. Während Matthis rot anläuft, schütteln die voller Mitgefühl für ihren Freund den Kopf... Und über allem schwebt die unsichtbare Anklage: „Immer diese Mütter!“ Peinlichkeiten gibt es in der Teenagerzeit viele. Die selbst gebackenen Kekse in der Schulbrotdose (die völlig uncool sind), die Jungsunterhosen auf der Wäscheleine im Garten (wo sie ALLE Nachbarn sehen können), die Sommerschlappen vom Vater (die ja sowas von altbacken sind), der alte Golf der Mutter (mit dem sie am besten beim Abholen an der 500m abgelegenen Kreuzung hält)... Eltern haben in der Pubertät ihrer Sprösslinge kaum eine Chance alles richtig zu machen. Irgendwas ist immer peinlich und vollkommen daneben. Doch für die Eltern kommt das ablehnende Verhalten meistens ziemlich überraschend. Eben noch schien alles gut und jetzt soll man am besten 10m Abstand halten, sich mal ganz spontan in Luft auflösen. „Geht’s noch?“ fragen viele Eltern sich nun und sind auch ein bisschen verletzt. Sind wir plötzlich nicht mehr gut genug?
Eben noch schien alles gut und
jetzt soll man sich am besten mal ganz spontan in Luft auflösen.

Warum Eltern manchmal peinlich sind!

Auch kleinere Kinder kritisieren dann und wann mal ihre Eltern. Wenn der Rock der Mama zu kurz ist oder der Papa zu laut lacht, will auch so mancher 6-12 jähriger Knirps den Eltern gern mal einen Riegel vorschieben. Denn: Kinder in diesem Alter wollen nur ungern aus der Reihe tanzen, passen sich in ihren Werten und Normen sehr dem Freundeskreis an. Sind alle Eltern der Freunde z.B. eher konservativ, können die eigenen „Hippie“-Eltern für einen 10jährigen sehr belastend sein. Denn: Der Wunsch nach Zugehörigkeit und Zustimmung durch die Freunde ist in manchen Momenten einfach größer, als das Wissen, dass die Eltern auch so ganz toll sind.

In der Pubertät verändert sich die Wahrnehmung etwas. Die Jugendlichen lösen sich von den Eltern ab, wollen eigene Wege gehen und erwachsen werden. Ein schwieriger Prozess, der selbst in harmonischen Familien für Anstrengungen sorgen kann. Das Karussell der Peinlichkeiten dreht sich jetzt unberechenbar. Und so tapsen viele Eltern von einem Fettnapf in den nächsten. Ohne Anklopfen ins Zimmer gehen, beim Internet surfen über die Schulter schauen, der neuen Freundin neugierige Fragen stellen – das alles kann den Kids plötzlich peinlich sein. Viele, und sind es auch noch so kleine Gesten, empfinden die Teenager nun als übergriffig. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, betrachten das Verhalten der Eltern als unpassend. Auch das Leben der Eltern wird nun genau unter die Lupe genommen. Wenn die Mutter Kochshows guckt, der Vater Rasen mäht, der Besuch im Kegelclub oder der Wanderurlaub zu Ostern ansteht – wundern Sie sich nicht, wenn Ihre Interessen und Gewohnheiten plötzlich als „absolut peinlich“ deklariert werden. Diese Ablehnung der elterlichen Ordnung ist Teil der Pubertät und zeigt Ihnen, dass Sie wichtig sind. Denn in der Opposition und Diskussion, dem In-Frage-Stellen der Lebenskonzepte, findet auch die eigene Entwicklung statt.
 

Was Eltern tun können...

Eltern müssen lernen, diese neu gesetzten Grenzen ihres Kindes zu erkennen und zu akzeptieren. Kompromisse und Regeln müssen her, damit sich beide Parteien wohl fühlen und sich nicht ständig gegenseitig auf die Füße treten.

Auch wenn es manchmal schwer fällt: Gelassenheit ist jetzt das oberste Gebot. Versuchen Sie zu verstehen, warum Ihrem Kind eine bestimmte Verhaltensweise peinlich ist. Fragen Sie nach, anstatt sich beleidigt zurückzuziehen. Viele Wünsche Ihres Kindes sind bei genauer Betrachtung sicher gut nachzuvollziehen: Das Anklopfen an der Kinderzimmertür, der Verzicht auf Kakao und Kekse, wenn die Kumpels da sind oder die Bitte, beim Abholen auf dem Schulhof nicht einen dicken Knutscher auf den Mund zu drücken. Ihr Kind möchte erwachsen werden und dazu gehört auch ein stimmiges Umfeld. Alles, was bemuttert, betüdelt und verhätschelt ist out. Loslassen lautet nun die Devise und das fällt vielen Eltern und vor allem Müttern schwer. Denn auch wenn der Sohnemann schon 14 Jahre ist, irgendwie ist er ja doch noch „Der Kleine“. Aus Elternsicht verständlich, aus Kindersicht einfach „peinlich“.
Gelassenheit ist jetzt das oberste Gebot!

Wann Eltern Grenzen setzen müssen

Ist die Beziehung so schwierig, dass scheinbar alles was Sie tun, zur Peinlichkeit wird, ist Vorsicht geboten. Hier stimmt was nicht! Eltern dürfen nicht zum Spielball pubertären Anspruchsdenkens werden. Wenn Ihr Kind sich weigert, mit Ihnen gemeinsam durch die Stadt zu bummeln und das auch klar mit den Worten zugibt: „Ihr seid mir einfach zu peinlich“, sollten Eltern das nicht einfach so hinnehmen. Setzen Sie sich mit Ihrem Kind an einen Tisch, erklären Sie Ihre Gefühle. So eine starke Ablehnung verletzt und muss geklärt werden. Oft sind die Ursachen solcher Differenzen ziemlich banal. Die Kids finden wahrscheinlich Ihre Kleidung oder Frisur total daneben und suchen schlicht und ergreifend Abstand, um dadurch den eigenen Coolness-Faktor nicht zu gefährden. Sie werden schnell feststellen, dass es eigentlich nicht um Sie selbst geht, sondern nur um reine Äußerlichkeiten. Doch zum Erwachsen werden gehört Toleranz. Und zwar von beiden Seiten. Genauso wie Sie Ihr Kind in seiner „Andersartigkeit“ akzeptieren, sollte auch Ihr Kind Sie so leben und sein lassen können wie Sie sind.

Auch die schönste Frisur nützt nichts, wenn Ihr Kind sie "total daneben" findet.

Peinlichkeiten zwischen den Generationen

Kaum zu glauben, aber die Revolte des Nachwuchses hat auch ihre guten Seiten. Während kleinere Kinder die Eltern noch überwiegend bedingungslos annehmen, schauen die größeren auch gerne und oft hinter die Kulisse. Das tut manchmal weh, kann aber auch ein wichtiger Motor für die gemeinsame Beziehung sein. Denn: Erst durch den vorgehaltenen Spiegel können Eltern Dinge erkennen, die vielleicht wirklich mal überdacht werden sollten. Wenn die modebegeisterte Tochter die Mutter gerne mal neu stylen möchte, der Sohn sich vom Vater intensivere Gespräche wünscht, sollten Eltern offen sein und sich nicht der Chance entziehen auf die Wünsche der Kids einzugehen. Sie können nur gewinnen! Vielleicht schenken Ihnen Ihre Kinder wirklich neue Impulse und den ersten Schritt für eine positive Veränderung. Vielleicht verbringen Sie auch einfach nur eine tolle Zeit zusammen. Beides tut gut und zeigt Ihren Kindern: Mama und Papa sind in Wirklichkeit ziemlich cool!
Vielleicht schenken Ihnen Ihre Kinder wirklich neue Impulse
und den ersten Schritt für eine positive Veränderung.

Linktipps:

- www.eltern.de
Eltern for Family Umfrage-Video: „Meine Eltern sind peinlich“

- www.familienhandbuch.de
„Pubertät oder „Eltern sind peinlich“

- www.focus.de
Focus-Online Artikel „Mama, du bist peinlich“

- www.cafeterra.de
„Mama, es hat sich ausgeknuddelbärt“

Autorin: Bettina Levecke