Selbstverletzung - ein Hilfeschrei der Seele

Wie äußert sich Selbstverletzung

Selbstverletzendes Verhalten äußert sich in den unterschiedlichsten Facetten und Ausprägungen. Die verbreiteteste Form der Selbstverletzung ist die “Offene Selbstverletzung”: Betroffene fügen sich Verletzungen zu, um seelischen Druck abbauen zu können. Hierzu gehört vor allem das Ritzen (Schneiden mit Rasierklingen, Glasscherben, Messern) an Körperstellen, die gut versteckt werden können (Arme, Oberschenkel, Brust- und Bauchbereich). Auch Verbrennungen und Verbrühungen mit Zigaretten, Herdplatten oder kochendem Wasser, Bisswunden, Haare ausreißen, wiederholtes Kopfschlagen, extremes Nägelkauen bis zum Abbeißen der Fingerkuppen sind Formen der offenen Selbstverletzung.Selbstverletzendes Verhalten bei Jungen äußert sich eher in aggressivem Verhalten nach außen und ist oft nur schwer zu erkennen: Sie neigen zu gefährlichen Mutproben und schädigen ihren Körper durch exzessives Verhalten mittels Drogen, Extremsport, wenig Schlaf.
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Weitere Formen der Selbstverletzung:

  • Selbstverletzung als Modeerscheinung: Besonders in der Punk- oder Gothic-Szene benutzen Jugendliche die Selbstverletzung als Mittel zur Selbstdarstellung. Ritzen dient als Ausdruck des Widerstandes oder der gelebten Trauer.
  • Heimliche Selbstverletzung/selbstgemachte Krankheit: Betroffene manipulieren ihren eigenen Körper durch Toxide (Injektionen von Flüssigkeiten, Trinken von Reinigungsmitteln etc.). Die daraus resultierenden Folgeerscheinungen sehen sie als Erkrankung an und nicht als Selbstverschuldung.
  • Simulation von Erkrankung: Das selbstverletzende Verhalten ist zweckgebunden. Die Verletzung dient als Mittel, um Bevorstehendes (z.B. Prüfungen) zu vermeiden oder um Bestehendes zu verändern (mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, im Mittelpunkt stehen)
Autoaggression, Gewalt gegen sich selbst, ist eine Antwort auf großen seelischen Druck.

Selbstverletzung - warum?

Autoaggression, Gewalt gegen sich selbst, ist eine Antwort auf großen seelischen Druck. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: Zum einen bilden schwerwiegende Belastungen wie Misshandlungen, Missbrauch und Traumatisierungen die Grundlage für das Auftreten selbstverletzenden Verhaltens, zum Anderen auch eher unterschwellige Belastungen in Familie, Schule und Freundeskreis. Der innere Druck, Hilflosigkeit, Wut und Enttäuschung sind wie ein Ballon, der bis zum Bersten mit Luft gefüllt ist. Die Betroffenen fühlen sich ohnmächtig gegenüber ihren eigenen Gefühlen und sind emotional abgeschnitten von der Welt. Der zugefügte Schmerz durch die Verletzung wird kaum empfunden, wirkt aber wie eine Erlösung: Endorphine (Glückshormone) werden ausgeschüttet, der körperliche Erregungszustand ebbt ab, die Betroffenen fühlen sich wieder frei und können das Gefängnis ihrer erdrückenden Gefühle für den Moment sprengen.

Doch hier beginnt der Teufelskreis: Selbstverletzendes Verhalten wirkt wie eine Droge: Auf Anspannung erfolgt Entspannung. Auch wenn die Betroffenen sich für ihre Tat schämen und großen Frust empfinden, bleibt die Erkenntnis, dass die Selbstverletzung geholfen hat. Diese positive Erfahrung entwickelt sich zum generalisierten Verhalten und nimmt Suchtformen an. Im chronischen Verlauf können dann bereits kleinere Stress- oder Erregungsauslöser ausreichen, um den Prozess der Selbstverletzung erneut in Gang zu bringen.
Eltern sollten sich verinnerlichen, dass hinter der Selbstverletzung keine böse Absicht steckt, sondern die Betroffenen hierin den einzigen Weg sehen, sich selbst zu helfen.

Was können Eltern tun?

Wenn Eltern erfahren, dass das eigene Kind sich selbst verletzt, sitzt der Schock tief.
Fragen über Fragen tauchen nun auf: Was haben wir falsch gemacht? Wie konnte das passieren? Warum macht unser Kind so etwas?
Doch nichts ist für die Betroffenen schlimmer, als Vorwürfe. Die Verachtung für sich selbst ist bereits unvorstellbar groß. Wenn nun eine Familienkrise entsteht, Eltern sich selbst Vorwürfe machen oder gar ihr Kind abweisen, wird der Druck der Betroffenen noch größer, die Möglichkeit einer erfolgreichen Therapie wird so erheblich erschwert.
Selbstverletzendes Verhalten ist therapierbar, der Weg zum Ziel jedoch oft steinig und lang. Wichtig ist es, das betroffene Kind so anzunehmen, wie es ist. Behutsamkeit, Verständnis und Anteilnahme bilden hier die Basis für einen vertrauensvollen Umgang. Eltern sollten sich verinnerlichen, dass hinter der Selbstverletzung keine böse Absicht steckt, sondern die Betroffenen hierin den einzigen Weg sehen, sich selbst zu helfen. Es klingt paradox, aber Selbstverletzung ist Fürsorge für die Seele.

Eltern sollten versuchen, ihrem Kind einfühlsam Wege zur Hilfe anzubieten.
Psychotherapie bietet eine gute Chance für Betroffene, die Ursachen für das selbstverletzende Verhalten zu entschlüsseln und neue Wege zu finden. Folgendes sollte dabei unbedingt beachtet werden:
  • Therapien dauern in der Regel 2-4 Jahre. Suchen Sie einen Therapeuten/eine Therapeutin, der/die Erfahrungen in der Arbeit mit Selbstverletzendem Verhalten hat.
  • Lassen Sie sich nicht entmutigen: Keine Therapie sichert vor Rückschlägen. Auslösende Faktoren zur Selbstverletzung, sogenannte "Trigger", lassen sich nicht vermeiden. Den Umgang mit ihnen müssen die Betroffenen erst lernen. Schenken Sie Ihrem Kind in diesen schweren Momenten Zuversicht.
  • Ziehen Sie die Möglichkeit einer Familientherapie in Betracht: Die Wurzeln für selbstverletzendes Verhalten liegen oft tief und können nur gemeinsam erarbeitet werden.
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Auch Haare ausreißen zähltzu den Formen der offenen Selbstverletzung 

Weiterführende Informationen im Internet:

  • Rote Linien ist eine Internet-Initiative, die von einer Angehörigen zum Thema Selbstverletzung ins Leben gerufen wurde. Sie richtet sich zum Zweck der Selbsthilfe vorrangig an die Familien, an Partner und an Freunde von autoaggressiven Menschen. Mit vielen Adressen und Links. http://hp2.rotelinien.de/start.html
  • Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention und Prophylaxe e.V. mit ausführlichen Informationen zum Selbstverletzendem Verhalten. http://www.praevention.org/selbstverletzung.htm
  • “Rasierklingen: Mode? Therapie? Sucht? Erschreckende Krankheit?” - Ein Interview der Zeitschrift INTRA mit Professor Ulrich Sachse, Oberarzt an der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie NLKH Göttingen. http://psyke.org/articles/de/selbstverletzung/
Autorin: Bettina Levecke