Endlich Nichtraucher - Manche Momente sind echt hart!

Endlich Nichtraucher - viele Raucher setzen sich für das neue Jahr dieses gute und gesunde Ziel. Besonders Eltern wollen für ihre Kinder ein Vorbild sein und der Qualmerei entsagen. Der Offenbacher Psychologe Stefan Baier coacht und betreut seit vielen Jahren Nichtraucher-Gruppen. Unsere Autorin Bettina Levecke hat mit ihm über Stolpersteine und Hürden in der Entwöhnungsphase gesprochen und gefragt, wie der Rauchstopp am besten gelingen kann.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Stefan Baier:

SE: "Viele Eltern setzen sich jetzt zum Jahreswechsel das Ziel, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Welche Motivation können Sie denen geben, die diesen Gedanken noch weit vor sich herschieben - immerhin ist es nicht ganz einfach, sich der Sucht zu stellen."

Herr Baier: "Die Entscheidung Nichtraucher zu werden, muss jeder für sich ganz persönlich treffen. Natürlich sprechen nur gute Gründe dafür und kein einziger dagegen. Für Eltern ist es ganz entscheidend, dass sie mit ihrem Verhalten Vorbild für ihr Kind sind. Statistisch gesehen hängt die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche anfangen zu rauchen, am stärksten davon ab, ob auch die Eltern rauchen. Aufzuhören ist also das Beste, was Eltern in dieser Hinsicht für ihr Kind tun können. "

SE: "Inwiefern können auch die Kinder die Entwöhnung der Eltern begleiten oder unterstützen?"

Herr Baier: "Das hängt vom Alter der Kinder ab und ihrer Einstellung zum elterlichen Rauchen. Grundschulkinder sind meistens noch sehr strikt gegen das Rauchen und zeigen das den Eltern auch. Sie können bei einer Entwöhnung eine wertvolle Unterstützung und Motivation sein und sind natürlich auch sehr stolz auf die Eltern, wenn sie es durchhalten und schaffen. Ältere Kinder, gerade im Jugendalter, finden das Rauchen durch den Freundeskreis vielleicht schon selbst ziemlich "cool". Denen ist dann ziemlich gleichgültig, was die Eltern in Bezug auf das Rauchen machen. Allerdings kann auch hier die Konsequenz aufzuhören und durchzuhalten einen großen Eindruck bei den Kids hinterlassen - auch wenn sie es nicht direkt zugeben."

SE: "Sie arbeiten als Nichtraucher-Coach, helfen Rauchern, die Sucht aufzugeben. Was halten Sie von den typischen Silvester-Vorsätzen à la "Um Mitternacht rauche ich die letzte Zigarette"…?"

Herr Baier: "Der kalte Entzug von einem Moment auf den anderen ist nicht leicht. Erfahrungsgemäß scheitern viele Menschen an diesen eher spontan getroffenen Entschlüssen. Das allerdings weniger, weil der Rauchstopp von jetzt auf gleich durchgesetzt wird, sondern eher, weil das Vorhaben dann nur wenig bis gar nicht durchdacht und vorbereitet ist. Die Raucher haben keine Strategie, die ihnen durch die schwere Phase in der Anfangszeit hilft. Die braucht man aber."

SE: "Wie bereitet man sich denn am besten vor?"

Herr Baier: "Ganz wichtig zu wissen: Es gibt nicht DEN richtigen Weg zum Nichtraucher. So unterschiedlich die Suchtgewohnheiten sind, desto unterschiedlicher sind auch die Entwöhnungsstrategien. Ein Stressraucher braucht z.B. eine andere Strategie als ein Genussraucher. Ein starker Raucher kann vielleicht nur schrittweise aufhören, während ein "Wenigraucher" das vielleicht wirklich von heute auf morgen schafft. Rauchgewohnheiten sind sehr unterschiedlich und prägen die Menschen auch auf ganz persönliche Weise. Im Vorfeld sollte man sich also genau überlegen, welchen Stellenwert die Zigarette im eigenen Leben hat: Wann rauche ich? In welchen Situationen ist die Zigarette besonders wichtig für mich? Wenn man das weiß und ehrlich einschätzen kann, beginnt der nächste Schritt: Sich zu überlegen, wie man in diesen Momenten auch ohne Zigarette zurechtkommen kann."

SE: "Können Sie konkrete Beispiele nennen?"

Herr Baier: "Ein Stressraucher greift z.B. während der Arbeit häufig zur Zigarette. Es ist für ihn selbstverständlich geworden, erst durch das Rauchen z.B. nach einem Meeting oder einen Telefonat wieder "runterkommen" zu können. Der Stressraucher braucht also Strategien, wie er diese Druckpunkte anders lösen kann, z.B. durch einen Spaziergang um den Block oder auch, indem er sich klarmacht: In 3-5 Minuten lässt der Druck nach. Der Genussraucher hingegen, der z.B. eher abends in Ruhemomenten oder nur in Geselligkeit raucht, muss sich Wege überlegen, wie er diese Momente rauchfrei ausfüllt."

SE: "Was gibt es für Strategien oder Hilfsmittel?"

Herr Baier: "Um den Weg in ein Leben als Nichtraucher zu gehen, gibt es eine Fülle der Möglichkeiten. Bei sehr starken Rauchern, die wirklich Entzugserscheinungen haben, können in den ersten Tagen und Wochen Nikotinersatzpräparate sinnvoll und entlastend sein. Andere schwören auf viel Bewegung und Sport oder gezielte Ablenkungsmanöver. Manche kauen Kaugummi oder lutschen zuckerfreie Bonbons. Erlaubt ist, was hilft. Ganz klar."

niko

SE: "Und wenn der innere Schweinehund Druck macht?"

Herr Baier: "Die ersten Tage und Wochen sind schwer, das muss man sich bewusst machen. Natürlich kommt es dann besonders oft und immer wieder zum Zigarettenstress, man schmachtet und möchte unbedingt rauchen. Diese Momente sind hart! Hier gilt es, tapfer zu bleiben und diese Phase zu überbrücken."

SE: "Und wie schafft man das?"

Herr Baier: "In dem man in den inneren Dialog geht und sich klar macht, dass dieser Zigarettenstress nur drei bis fünf Minuten dauert. Der Körper schmachtet zwar, aber wenn der Geist standhaft bleibt, lässt dieser unangenehme Druck auch wieder nach. Und so hangelt man sich in den ersten Wochen von Etappe zu Etappe. Der Druck wird dabei von Tag zu Tag ein wenig kleiner. Nach ca. 2 Wochen ist die körperliche Abhängigkeit mit den bekannten Entzugserscheinungen, wie Kopfschmerzen, Nervosität oder innerer Anspannung, in der Regel überwunden."

SE: "Trotzdem schweigt der Schweinehund noch nicht. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man schwach werden könnte…"

Herr Baier: "Stimmt, das hört so schnell nicht auf. Deshalb empfehle ich meinen Klienten, immer nur von Tag zu Tag zu denken. Wer sich nämlich sagt: "Ich muss das jetzt für immer lassen" setzt sich unter unglaublichen Erwartungsdruck. Was bedeutet schon "für immer"? Besser ist es, sich immer nur kleine Etappen zu setzen, wenn der Schweinehund im Inneren drängelt. Dann kann man sagen: "Nein, diese Zigarette rauche ich jetzt nicht" oder "Heute bleibe ich standhaft!" - von Ziel zu Ziel gewinnt man dann an innerer Souveränität und kann z.B. nach fünf Tagen Durchhalten schon richtig stolz auf sich sein."

SE: "Das klingt alles sehr vernünftig und durchdacht. Die Entwöhnung gelingt also mit dem Kopf?"

Herr Baier: "Absolut! Gerade in den ersten Wochen kreisen die Gedanken, man muss dann versuchen, klar zu bleiben: "Jetzt habe ich schon drei Tage durchgehalten, will ich mir das wieder kaputt machen?" Hilfreich ist es auch, sich immer wieder vor Augen zu halten, wie schädlich das Rauchen ist und sich ganz ernsthaft zu fragen, was man sich von der nächsten Zigarette verspricht: Geht es mir wirklich besser, wenn ich jetzt nachgebe? Oder fühle ich mich vielleicht sogar besser, wenn ich durchhalte?"

SE: "Und wie sollte man mit Rückfällen umgehen? Nicht alle Raucher schaffen es, in allen schweren Momenten standhaft zu bleiben."

Herr Baier: "Rückfälle passieren. Es ist verständlich, dass man sich dann ärgert oder am liebsten alles hinschmeißen würde. Oft wird der Rückfall als Alibi benutzt und man sagt sich dann: "Ach, wenn ich eine geraucht habe, dann kann ich die nächste auch noch." Und so rutscht man ganz schnell wieder in die alten Gewohnheiten. Ich rate dazu, einen Rückfall nur als das zu sehen, was er ist - eine Einzelaktion. Man sollte mit sich nachsichtig sein und sich wieder Mut machen: "Es ist passiert, aber jetzt geht es wieder ohne Zigarette weiter!" Immerhin: Wenn nach 2 Wochen die Abhängigkeit überwunden ist, kann eine einzelne Zigarette die Sucht gar nicht wieder auslösen. So schnell geht das nicht."

SE: "Haben Sie noch einen guten Tipp?"

Herr Baier: "Untersuchungen belegen, dass die Entwöhnung am besten gelingt, wenn man nicht alleine ist, sondern gemeinsam mit dem Partner, Freunden oder auch einer Selbsthilfegruppe aufhört. Zum Einen hat man so immer Menschen, mit denen man in harten Momenten oder Phasen sprechen kann und die dafür auch Verständnis haben, weil sie das gleiche erleben. Zum Anderen ist es ein toller Ansporn in einer Gruppe aufzuhören, schließlich will man nicht der erste sein, der aufgibt."

SE: "Lieber Herr Baier, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!"
Für Eltern ist es ganz entscheidend, dass sie mit ihrem Verhalten Vorbild für ihr Kind sind.
jukip
Oft waren die eigenen Eltern Vorbilder,
um mit dem Rauchen zu beginnen..
Ich rate dazu, einen Rückfall nur als das zu sehen, was er ist - eine Einzelaktion.
zig
Sagen Sie JA! zur letzten...

Linktipp

Sie wollen auch aufhören?
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet Online-Hilfe:
www.rauchfrei-info.de

Das Interview für starke-eltern.de führte Bettina Levecke