Die Wortschwallpädagogik vieler Eltern überfordert Kinder!

"Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört & wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet" zeigt er humorvoll auf, wie Botschaften der Eltern beim Kind ankommen, wie man Regeln erfolgreich kommuniziert und Absprachen trifft. Unsere Autorin Bettina Levecke hat mit Jan-Uwe-Rogge über typische Eltern-Kind-Probleme gesprochen."
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Jan-Uwe Rogge:

SE: "Ob Hausaufgaben machen, Zimmer aufräumen, Müll rausbringen: In den meisten Familien hängt regelmäßig der Haussegen schief, weil Kinder sich nicht an die Absprachen halten. Was läuft da falsch?"

Herr Rogge: "Wenn es immer wieder um die gleichen Themen geht, müssen Eltern einen genauen Blick auf die familiäre Situation werfen und schauen, warum die Kinder sich so verhalten. Manchmal ist es schlicht ein Sachproblem, z.B. wenn das Kind mit der Aufgabe überfordert ist. Dann gilt es, die Absprache neu auszuloten. Manchmal steckt aber auch ein Beziehungsproblem dahinter. Wenn zum Beispiel klar ist, dass das Kind nur Grenzen austesten will oder Machtkämpfe ausführt, sollten Eltern sich fragen: Wozu macht mein Kind das? Was will es damit bei uns erreichen?"

SE: "Das heißt, dass die Eltern was falsch gemacht haben?"

Herr Rogge: "Es geht nicht darum, wer etwas falsch macht. Es ist ja ganz normal, dass es in Familien immer wieder zu kommunikativen Verstrickungen und Missverständnissen kommt. Wichtig ist eben, darauf immer wieder sorgsam und verständnisvoll zu reagieren. Es bringt nichts, ständig über das Fehlverhalten der Kinder zu diskutieren, zu schimpfen oder ihnen gar zu drohen. Viel sinnvoller und hilfreicher ist es, direkt nachzufragen, das Gespräch mit dem Kind zu suchen."

SE: "Manchmal hat man als Vater oder Mutter aber das Gefühl, eine Sprache zu sprechen, die das Kind gar nicht versteht."

Herr Rogge: "Das alte Problem: Die Eltern senden auf Mittelwelle, während die Kinder nur UKW empfangen. Da bleiben Missverständnisse nicht aus. Deshalb gilt es, so mit den Kindern zu sprechen, dass sie genau wissen, was die Eltern wollen. Oft sind Eltern einfach viel zu unklar in ihren Botschaften. Mimik und Gestik, der Klang der Stimme und der Inhalt müssen unbedingt zusammenpassen. Es muss deutlich und klar gesagt werden, was gemeint ist."

SE: "Können Sie ein Beispiel geben?"

Herr Rogge: "Wer zum Beispiel Aufgaben in Bitten verkleidet, muss sich nicht wundern, wenn anschließend nichts passiert. Die Frage der Mutter "Räumst du bitte dein Zimmer auf?" kann mit Ja oder Nein beantwortet werden, während die freundliche, aber deutliche Ansage "Ich möchte, dass du dein Zimmer aufräumst" keine Fragen mehr offen lässt. Wichtig dabei ist es natürlich, das nicht so nebenbei zu sagen, sondern das Kind auch anzuschauen oder es in sein Zimmer zu begleiten, um zu zeigen, dass Aufräumen wirklich nötig ist."

SE: "Und wenn dann trotzdem nichts passiert?"

Herr Rogge: "Dann ist das immer noch kein Grund, die Nerven zu verlieren. Generell ist es hilfreich, innerhalb eines Familienrats einen Plan zu erstellen, wer was wann macht. Gemeinsam mit den Kindern kann dann beraten und entschieden werden, wie der gemeinsame Alltag organisiert wird. Wenn Kinder sich eingebunden fühlen, gerade in solche Entscheidungen, sind sie viel eher bereit, mitzumachen. Wenn Regeln dann immer wieder missachtet werden oder Aufgaben nicht erfüllt werden, sollte ein Elternteil das 4-Augen-Gespräch mit dem Kind suchen und genau nachhaken: "Ich möchte gerne, dass das klappt. Warum machst du es nicht?" Auf diese Weise kann herausgefunden werden, wo es hakt. Vielleicht ist das Kind mit der Aufgabe wirklich überfordert oder es fühlt sich ungerecht behandelt."

SE: "Und wenn es einfach keine Lust hat?"

Herr Rogge: "Dann muss man auch darüber sprechen. Wir kennen das ja schließlich alle. Wer hat Lust den Müll rauszubringen oder die Küche aufzuräumen? Niemand! Warum sollte es Kindern anders gehen. Allerdings ist das natürlich keine Ausrede, die Sachen müssen ja trotzdem gemacht werden. Hier gilt es dann Konsequenzen zu finden, am besten gemeinsam mit dem Kind: Was machen wir, wenn du dein Zimmer nicht aufräumst?"

SE: "Oft gibt es dann Hausarrest, Fernsehverbot oder andere Gemeinheiten, macht das überhaupt Sinn?"

Herr Rogge: "Ich halte davon gar nichts. Was hat der vergessene Müll mit dem Fernseher zu tun? Viele Eltern verwechseln Konsequenz mit Bestrafung. Konsequentes Verhalten bedeutet aber, dass man sich der Folgen seines Handelns bewusst ist. Räume ich nicht auf, ist alles dreckig. Bleibt der Müll stehen, stinkt's! Hier müssen Eltern ansetzen und Konsequenzen finden, die das Kind mit den Folgen seines Handelns konfrontieren. Man kann das ja auch alles im Vorfeld mit den Kindern besprechen, z.B. "Was wäre die Konsequenz, wenn du deiner Aufgabe nicht nachkommst? Was machen wir dann?" Vielleicht bietet das Kind von selbst an, erst zu seinen Freunden zu gehen, wenn es sein Zimmer fertig hat. Allerdings müssen die Eltern diese Konsequenz dann auch einfordern und durchsetzen."

SE: "Konsequenzen gelten also immer nur für die jeweilige Situation?"

Herr Rogge: "Auf jeden Fall. Eltern sollten nie Dinge einfordern, die sie sowieso nicht umsetzen. Wer z.B. sagt: "Wenn du heute nicht dein Zimmer aufräumst, darfst du erstmal nie mehr spielen gehen", weiß doch selbst, dass das Unsinn ist. Und die Kinder bekommen durch solche unklaren und letztlich "unendlichen" Folgen Angst. Das überfordert Kinder."

SE: "Manchmal ist es aber auch zum Haare raufen. Die meisten Eltern kennen diese Situationen, in denen man am liebsten ausflippen würde."

Herr Rogge: "Bestimmt, aber das sollte vermieden werden. Wem bringt so ein Ausflippen denn was? Weder den Eltern selbst, noch den Kindern geht es nach lautem Brüllen oder Streiten besser."

SE: "Und wie geht man mit der Wut um, wenn mal wieder alles schief läuft?"

Herr Rogge: "Vereinbaren Sie ein familieninternes Wort. Das kann lustig sein oder problembezogen. Sobald jemand dieses Wort sagt, ist allen klar, jetzt müssen wir auseinandergehen. Ist das Wort z.B. wie im Boxkampf "STOP" wird die stimmungsgeladene Situation sofort abgebrochen und jeder geht auf sein Zimmer oder raus. Diese Auszeit ist wichtig, um die Gefühle wieder zu sortieren. Nach einer halben Stunde bis Stunde kommt man dann wieder zusammen und redet darüber."

SE: "Das klingt gut! Und was sollten Eltern Ihrer Meinung nach noch stärker beachten?

Herr Rogge: "Redet weniger! In Problemsituationen neigen Eltern dazu, ihre Kinder mit verbalen Duschen zu übergießen. Es wird geredet und geredet und geredet und die Kinder stellen irgendwann zwangsläufig auf Durchzug. Weniger ist immer mehr! Kinder wollen klare Sätze, klare Ansagen, klare Eltern und keine Dauerbeschallung durch komplizierte Wortschwallpädagogik."

SE: "Lieber Herr Rogge, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!"
In den meisten Familien hängt regelmäßig der Haussegen schief, weil Kinder sich
nicht an die Absprachen halten.
In Problem- situationen neigen Eltern dazu, ihre Kinder mit verbalen Duschen zu übergießen.

Zum Weiterlesen

Titel Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört und wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet
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© GRÄFE UND UNZER Verlag
Autorin Jan-Uwe Rogge, Angelika Bartram
Zielgruppe Eltern u. Erzieher
Herausgeber GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH (1. September 2011)
Kategorie Ratgeber / Sachbuch
Preis 16,99 €

Das Interview für starke-eltern.de führte Bettina Levecke