Erfolgreiche Mädchen

Zum Thema „Erfolgreiche Mädchen“ befragte „starke-eltern.de“ die Pädagogin Helga Runge (47). Sie ist seit fünf Jahren Rektorin einer Grundschule in einem sozialen Brennpunkt und selber Mutter von zwei Töchtern.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Claudia Runge:

SE: "Frau Runge, zur Zeit wird viel darüber gesprochen, dass Mädchen in der Schule insgesamt erfolgreicher sind als Jungen, dass sie bessere Schulabschlüsse machen und sozial kompetenter sind. Können Sie das in ihrer Schule auch beobachten?"

Frau Runge: "Nein, nicht so direkt. Die Kinder entwickeln sich eher abhängig davon, was sie für familiäre Bedingungen haben. Wenn Kinder gut gefördert sind und in zusammenhängenden glücklichen Familien oder Verhältnissen, das können auch Ein-Eltern-Familien sein, aufwachsen, dann gelingt es in der Regel auch, dass sie erfolgreich die Schule durchlaufen. Die Störungen und die Schwierigkeiten, die auftreten, sind schon auffälliger bei Jungen, die  eher  aggressives Verhalten zeigen. Aber diese Kinder haben oft  auch andere Probleme. Wenn Jungen mit Auffälligkeiten, mit motorischen Schwierigkeiten, mit ADHS-Symptomatik in der Klasse sind und  familiär unterstützt werden, dann entwickeln sie sich gut."

SE: "Ist in Ihrer Schule der Anteil der Mädchen, die ins Gymnasium wechseln größer, als der der Jungen?"

Frau Runge: "Das ist in meiner Schule vielleicht tendenziell so, aber nicht signifikant. Dass Jungen weniger lesen oder sich weniger interessieren stimmt nicht, wobei wir als Schule auch einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt haben und das kommt einigen Jungen entgegen. Wenn wir zum Beispiel im Sachunterricht Forschergruppen anbieten, interessieren sich die Jungen tendenziell stärker, Mädchen wählen eher Angebote aus dem musisch-künstlerischen Bereich. Da sehe ich eine pädagogische Aufgabe, die Kinder auch an andere, vielleicht nicht so nahe liegende Gebiete heranzuführen."

SE: "Haben Sie den Eindruck, dass die Mädchen dem Klischee entsprechen, braver, ordentlicher, leistungsorientierter zu sein?"

Frau Runge: "Ja, die Tendenz ist so, Mädchen sind auch ein Stück angepasster. Wobei das schulische System ja auch nach wie vor auf Qualitäten basiert, die man durch Anpassung erreicht, zum Beispiel längere Phasen des ruhigen Verhaltens. Und das fällt manchen Mädchen einfacher oder sie sind mehr darauf gepolt das auch zu können. Ansonsten mögen die Entwicklungsstufen durchaus unterschiedlich sein. Wenn man Jungen, die nicht so schnell Lesen und Schreiben lernen in eine Richtung drängt, ihnen sagt, dass sie das ja auch nicht so schnell können, dann würde das vielleicht eine hemmende Auswirkung haben. Aber wenn man das nicht tut, entwickeln sie sich und lernen. Auch Mädchen lernen nicht alles gleichzeitig."

SE: "Gibt es eine spezielle Mädchen-Symptomatik, also Schwierigkeiten oder Auffälligkeiten, die vor allem Mädchen mitbringen?"

Frau Runge: "Vereinzelt können sie auch aggressiv sein, aber mehr mit Worten und verdeckten Beleidigungen, als mit direktem aufeinander losgehen. Sich nicht zu schlagen lernen Mädchen schneller. Das ist aber nicht das Entscheidende. Entscheidend ist: Wenn Probleme auftreten, wie gehen Kinder damit um? Und da passen sich Mädchen vielleicht schneller an und werden dann zickiger und ärgern  verdeckter, weil die Jungen vielleicht auch aggressiver sein dürfen."

SE: "Die beschriebenen Verhaltensmuster orientieren sich ja scheinbar nach wie vor an klassischen Geschlechterrollen. Ist das Ihrer Meinung nach Erziehungssache oder in den Jungen und Mädchen einfach von vorneherein angelegt?"

Frau Runge: "Ich persönlich neige dazu, dem gar nicht so eine Bedeutung beizumessen. Mein pädagogisches Ziel ist es, dass Kinder sich entwickeln und entfalten können, dass sie die Dinge, die gelernt werden sollen in allen Bereichen lernen, sowohl kognitiv, als auch sozial-emotional und dass sie ansonsten ihre Vorlieben entwickeln können und Defizite aufarbeiten. Die Frage nach biologischen Ausrichtungen lässt sich schwer beantworten. Ich glaube, dass Entwicklungsstufen von Jungen und Mädchen durchaus unterschiedlich sein können, dass auch unterschiedliche Begabungen da sein können. Kinder lernen ihre Rollen aber entscheidend über Vorbilder in der Familie, der Gesellschaft, wobei die Medien einen großen Einfluss haben.  Alles, was jetzt an Aufregung ist bezüglich unterschiedlicher Bildungschancen, sollte weniger aufgeregt gesehen werden unter der Jungen-Mädchen-Problematik, sondern viel mehr unter der Problematik der Bedingungen für kindliche Entwicklung.  Jungen zeigen, wenn sie  unter benachteiligten Bedingungen aufwachsen, andere Verhaltensmuster als Mädchen. Jungen sind vielleicht aggressiver , versagen in der Schule  und geraten mit dem Gesetz in Konflikt. Mädchen, die benachteiligt aufwachsen haben vielleicht Essstörungen, werden früh schwanger, haben keine stabilen Beziehungen. Diese Unterschiede mag es geben, aber der Kern sind wirklich diese schlechten Entwicklungsbedingungen, nicht das Geschlecht."

SE: "Liebe Frau Runge, vielen Dank für das Gespräch."

Das Interview für starke-eltern.de führte Nicola Materne.
regen
"Kinder entwickeln sich
abhängig davon, was sie
für familiäre Bedingungen
haben."
"Alles, was jetzt an Aufregung ist bezüglich unterschiedlicher Bildungschancen, sollte weniger aufgeregt gesehen werden unter der Jungen-Mädchen-Problematik, sondern viel mehr unter der Problematik der Bedingungen für kindliche Entwicklung."