Wenn Kinder in Pflegefamilien kommen

Dr. Cathrin Schipp (43) ist Beraterin für Pflegefamilien beim Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen VSE, einem freien Träger der Jugendhilfe. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die familienanaloge Betreuung. Das ist ein Projekt, in dem Kinder und Jugendliche mit Menschen in familiärer Atmosphäre unter einem Dach zusammen leben. Das können sowohl klassische Pflegefamilien als auch sozialpädagogische Lebensgemeinschaften sein, in denen professionelle Pädagogen den Kindern ein familienähnliches Setting bieten.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Dr. Schipp:

SE: "Werden die Kinder und Jugendlichen zwangsweise aus ihrer Familie genommen oder kommen die Eltern selber und sagen, dass sie nicht mehr weiter können und dass sie wollen, dass ihr Kind von anderen betreut wird?"

Dr. Schipp: "Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt viele Kinder, die vom Jugendamt in Obhut genommen werden, weil deren familiäre Situation so katastrophal ist, dass das Wohl des Kindes gefährdet ist. In der Regel sind im Vorfeld viele ambulante Hilfen eingesetzt worden. Wenn die Familie das nutzen und auch annehmen konnte, führt das, je nachdem, was für eine familiäre Geschichte im Hintergrund eine Rolle spielt, manchmal dazu, dass Eltern dann selber zu der Entscheidung kommen und sagen können, dass sie überfordert sind. Oder aber es gibt viel Widerstand, weil die Hilfeform oder die Person nicht die passende für die Familie ist. Wenn es aus der Perspektive des Kindes zu keiner positiven Entwicklung kommt, nimmt das Jugendamt sein Wächteramt wahr und nimmt das Kind aus der Familie heraus."

SE: "Ist denn das Ziel erst einmal, die Kinder in ihrer Ursprungsfamilie zu behalten?"

Dr. Schipp: "Das steht sicher generell zunächst im Vordergrund. Ziel und Auftrag des Jugendamtes ist ja gerade, Kindern sichere Bindungen zu ermöglichen, damit sie auf der Basis einer maximalen emotional-psychischen Stabilität ein selbstständiges Leben führen können. Familien, die sehr belastet sind, benötigen manchmal „nur“ entsprechende, professionelle Stützen, damit es in der Familie gut weiter gehen kann. Manchmal ist aber das Herkunftssystem auch so labil und mit so vielen Themen behaftet, dass die ambulanten Hilfen nicht ausreichen. Oder die Eltern sind auf Grund ihrer eigenen traumatischen Geschichte so im Widerstand, dass das nicht möglich ist."

SE: "Wäre es dann nicht für alle Beteiligten besser, wenn das Kind bzw. die Kinder erst einmal aus der  Ursprungsfamilien herausgehen?"

Dr. Schipp: "So ist es. Wir arbeiten schließlich auch sehr eng mit den leiblichen Eltern der Kinder zusammen und wenn dann jeder wieder mehr Raum und Platz für sich hat, dann ist auch eine andere Form von Beziehungsaufnahme und Beziehungsgestaltung möglich."

SE: "Sind die Kinder, die von ihren Eltern abgegeben werden, aus verschiedenen Altersgruppen oder sind das eher Jugendliche?"

Dr. Schipp: "Das ist ganz unterschiedlich. Es können ganz kleine Kinder sein, Kinder im Grundschulalter oder auch Jugendliche. Die meisten Pflegekinder sind zwischen 4 und 10 Jahre alt."

SE: "Was sind die Gründe für so eine Entscheidung?"

Dr. Schipp: "Häufig ist es die psychische Stabilität der Eltern auf Grund ihrer eigenen belastenden Herkunftssituation mit zunehmender Anforderung im Erziehungsalltag einfach nicht mehr gegeben. Das ist so, als wenn jemand immer auf einem Bein läuft und dann kommt noch ein Paket dazu und noch ein Paket, dann bricht er irgendwann zusammen."

SE: "Und sind diese Eltern dann tendenziell eher aus schwierigen sozialen Verhältnissen?"

Dr. Schipp: "Ein großer Teil unserer Pflegekinder ist in Multiproblemfamilien geboren. Häufig sind die Familien über mehrere Generationen dem Jugendamt bekannt. Die Ressourcen mit Krisen umzugehen, sind in diesen Familien eher begrenzt. Aber auch Kinder aus Mittelschichtfamilien benötigen ergänzende Hilfen. Die Hilfe in Form einer Unterbringung in einer Pflegefamilie ist eher selten, kommt aber auch vor."

SE: "Wo liegt das größte Problem bei den Herkunftsfamilien?"

Dr. Schipp: "Ich glaube, dass sie häufig viel zu spät Hilfen bekommen oder annehmen und auch ihre eigene Geschichte viel zu spät aufarbeiten. Wir merken oft, wie bedürftig die Eltern selber sind, wie sie vielleicht am liebsten selber in so eine Pflegefamilie mit einziehen würden, weil sie genau spüren, dass da etwas stattfindet, was sie eigentlich auch immer gerne gehabt hätten."

SE: "Ist Hilfe anzunehmen denn nach wie vor eher stigmatisiert?"

Dr. Schipp: "Da muss ich leider zustimmen. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass diese Form von Hilfe nach wie vor immer in die Ecke gepackt wird und eher als bedrohlich statt unterstützend angesehe wird.
Wenn man sich zu viel Hilfe holt ist man nicht o.k. Wenn man das auf der körperlichen Ebene sehen würde, würde man sagen: „Na gut , dann müssen sie aber zum Chirurgen und sich das Bein richten lassen“, das wird viel eher als Rat angenommen. Es hat viel mit unserem gesellschaftlichen Denken und der hiesigen Kultur von „Hilfe“ zu tun, welche Rolle wir diesem Thema geben. Bei den Herkunftseltern, die sowieso das Gefühl haben, sie werden besonders beäugt und bewertet, schlägt sich das noch stärker nieder."

SE: "Sollten sich Familien dann früher Hilfe holen?"

Dr. Schipp: "Das wäre wünschenswert, ist aber ein Problem, das nicht nur über Strukturen zu lösen ist, sondern an dem deutlich wird, dass die eigene Situation der Eltern ein Teufelskreis ist. Häufig sind es sehr unsicher gebundene Menschen, die in ihrer eigenen Biografie viele Verletzungen und Kränkungen erlebt haben, die oft so verarbeitet werden, dass sie ein hohes Kontrollbedürfnis und ein hohes Bedürfnis nach Selbstbestimmung haben. Diese Menschen möchten alles alleine machen und haben so kein wirklich gut ausgebildetes Konzept, wie sie sich Hilfe holen können. Außerdem sehen sie Hilfe holen immer eher als Bedrohung  ihrer eigenen psychischen Stabilität. Insofern kann ich immer nur sagen wie wichtig es ist, dass Menschen früh positive Erfahrung mit Hilfen machen. So erfahren sie, dass die Inanspruchnahme von Hilfe nicht dazu führt, dass sie die Kontrolle  gänzlich verlieren. Sie sollen immer das Gefühl haben, die Kontrolle zu behalten, die Maßnahmen steuern zu können statt ihr ausgeliefert zu sein."

SE: "Halten Sie eine Sendung wie die „Supernanny“ für unterstützend oder eher für das Gegenteil?"

Dr. Schipp: "Ich kenne Kollegen, die finden das richtig gut, weil sie sagen, dass es konkret ist. Ich persönlich habe da eher eine Abneigung, weil ich mit all dem, was ich zu dem Thema gehört und gelesen habe, immer gesehen habe, was das für die Kinder bedeutet, die da in diesem Film ja auch benutzt worden sind. Ich habe den Eindruck, dass das für die Kinder eine Riesenbelastung ist. Und die Form der Unterstützung liegt mir persönlich nicht so, weil da immer eine Hierarchie ist: Da ist eine, die weiß ganz viel und die kleine dumme Familie, die sich dann etwas sagen lässt. Mir persönlich passt das von der gesamten Haltung nicht. So verstehe ich meine Arbeit auch nicht. "

SE: "Familien zu helfen sieht wahrscheinlich in der Realität wesentlich mühsamer aus, oder?"

Dr. Schipp: "Natürlich! Im Fernsehen mag das vielleicht funktionieren, weil nämlich genau diese Familien an einem Punkt angekommen sind, an dem sie auch offen für eine derartige Hilfe sind.
Aber ich glaube, dass das in der Regel nicht von langfristigem Erfolg gekrönt ist. Genau die dort gezeigten Veränderungsprozesse brauchen bekanntlich sehr viel Zeit und einen guten Beziehungsaufbau. Zudem ist es langfristig unumgänglich, dass jedes Familienmitglied etwas zu diesem Prozess beiträgt, auch wenn gerade keine Supernanni zur Hand ist."

SE: "Zu den Pflegefamilien: Stellen sich denn genug Leute als Pflegeeltern zur Verfügung?"

Dr. Schipp: "Wir bereiten das ganze Jahr über Pflegeeltern vor. Aktuell gibt es mehr Anfragen von Jugendämtern, die auf der Suche nach einer Pflegefamilie sind, als dass wir Familien zur Verfügung haben. Die Zuordnung von Kind und Familie ist sehr speziell. Jedes Kind hat andere Bedürfnisse für die weitere Entwicklung. Vor diesem Hintergrund ist es gut, wenn wir sehr unterschiedliche Familien vorbereiten können."

SE: "Es ist ja auch nicht einfach, wenn man ein Pflegekind bekommt..."

Dr. Schipp: "Ja, genau, das ist eine Menge, was sich dann verändert, wenn ein Kind aufgenommen ist. Es ist daher sehr hilfreich, wenn vorher viele Dinge auch beschaut und durchdacht worden sind, eben zu gucken, was sich eigentlich verändert, wenn ein Familienmitglied mehr am Tisch sitzt. Das Familiensystem verändert sich. Manchmal gerät es kurzfristig aus der Balance, da sich die Rollen verschieben. Wenn Familien ihre Kompetenzen wieder aktivieren, werden solche Zeiten im Rückblick meistens positiv bewertet. Nach unserer Erfahrung ist eine gute kontinuierliche Begleitung und Unterstützung von Pflegefamilien entscheidend."

SE: "Welche Familien eignen sich als Pflegefamilien? Wie sieht die „richtige“ Pflegefamilie aus?"

Dr. Schipp: "Es gibt so viel „richtige“ Pflegefamilien, wie es unterschiedliche Kinder gibt, die sich eine Familie wünschen. Für manche Kinder ist es hilfreich, wenn sie das einzige Kind in einer Familie sind, manche brauchen Eltern mit Erziehungserfahrungen und Geschwisterkinder. Familie ist da wo Kinder sind. Wir arbeiten mit unterschiedlichsten Konstellationen, also mit Wohngemeinschaften, mit gleichgeschlechtlichen Eltern, mit Alleinerziehenden, wenn wir uns ein bisschen links und rechts neben diesem traditionellen Familien Bild bewegen."

SE: "Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch."

Das Gespräch mit Dr. Schipp führte Nikola Materne.