Schwangerschaft und Geburt – Wie viel Information ist gut?

Ratgeberbücher, Broschüren, Internetseiten, Zeitungsartikel – ein riesiges Angebot voller Tipps, Wissen, Checklisten und Warnungen steht für werdende Mütter und Väter bereit. Doch wie sieht es aus mit der Vorabinformation? Wie viel und was ist sinnvoll? Starke-Eltern.de befragte Frau Dr. Heike Arning, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und selber Mutter zweier Kinder, zu diesem Thema.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Dr. Arning:

SE: "Frau Dr. Arning, finden Sie es gut, wenn sich ihre Patientinnen mit Hilfe von Literatur über Schwangerschaft und Geburt informieren?"

Dr. Arning: "Ja, grundsätzlich finde ich das gut. Es kommt ein bisschen auf den Typ Frau an. Wenn es sehr ängstliche Frauen sind, dann ist es manchmal auch zu viel, gerade was Infektionen in der Frühschwangerschaft angeht, das ist ja doch eine relativ seltene Sache. Bei der Ernährung soll man ja auf gewisse Dinge achten, das ist sicherlich wichtig, aber man kann sich da auch in etwas herein steigern, so dass man nichts mehr isst.
Information ist wichtig, am besten im Gespräch mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen. Man sollte sich vorher die Dinge klar machen, die man wissen will. Gut informierte Patientinnen haben auch gute Gespräche mit ihrem Gynäkologen."

SE: "Es gibt also ein Zuviel, aber auch ein Zuwenig an Information?"

Dr. Arning: "Es gibt auf jeden Fall ein Zuwenig, also wenn sich eine Schwangere zum Beispiel überhaupt nicht informiert und Alkohol trinken will oder starke Raucherin ist oder solche Dinge, dann muss man sehr viel aufklären."

SE: "Sind Ihre Patientinnen im Allgemeinen gut informiert?"

Dr. Arning: "Die meisten ja. Die meisten sind zumindest darüber informiert, dass man nicht rauchen sollte und nicht trinken darf.  Informationsbedarf gibt es zum Thema Ernährung und zum Verlauf der Schwangerschaft. Es gibt ja inzwischen eine sehr breite Palette an Beratungsangeboten auch gerade für ältere Schwangere mit Pränataldiagnostik (Untersuchungen des ungeborenen Kindes und der Schwangeren, Anm. der Redaktion) usw. Da ist immer Aufklärungsbedarf. Da kann man sich gerade im Internet sicherlich zu viel Angst holen.
Es gibt gute Seiten, also von der Pharmaindustrie oder Interessensgruppen unabhängige Seiten, wie zum Beispiel die Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der bzga. Das ist eine Seite, die sehr gute Informationsmatrialien hat und auch direkt im Internet informiert. Auch Profamiliahat sehr gute Broschüren. Und dann gibt es eben Chatrooms, die extrem viel Angst machen. Ich glaube, dass da immer eher die Leute sich einloggen, die unzufrieden sind oder Angst haben und irgendetwas Schlimmes gehört haben und dass man da wenig positive Informationen bekommt. Die Leute die zufrieden sind und mit ihrer Schwangerschaft gut klar kommen, gehen meistens nicht in solche Chats. Es gibt ein gutes Mittelmaß, man sollte schon etwas darüber lesen, aber Schwangerschaft ist keine Krankheit. Es geht darum, sich in der Schwangerschaft wohl zu fühlen und gewisse Dinge zu beachten, aber nicht, das als Krankheit anzunehmen."

SE: "Kann ein gutes Buch einen Geburtsvorbereitungskurs ersparen?"

Dr. Arning: "Nein. Im Geburtsvorbereitungskurs, wenn man noch gar nichts mit dem Thema zu tun hatte, geht es ganz viel um Entspannungstechniken und Aufklärung über den Geburtsverlauf. Das kann man tausend Mal lesen, wenn eine Hebamme einem dann aber das Atmen vormacht oder die Wehe vorschreit, das ist nicht nachzulesen (lacht). Das ist schon ziemlich beeindruckend und gerade für die Väter manchmal wertvoll, das vorher schon mal erlebt zu haben, was da auf sie zukommen kann. Es gibt vielleicht Männer, die eher scheu sind und da nicht unbedingt hin wollen, dann würde ich den auch nicht unbedingt zwingen. Es ist nicht immer sinnvoll, einen Mann dazu zu zwingen, sich damit tief auseinander zu setzen und unbedingt einen Kurs mit zu machen, wenn er sich total dagegen sträubt.  Da muss man, finde ich, einem Mann seine eigene Freiheit lassen. Wenn er das nicht will oder sich total unwohl fühlt ist es vielleicht gut, statt dessen eine Freundin mit zu nehmen."

SE: "Haben Sie den Eindruck, dass das Sicherheitsbedürfnis gestiegen ist, also dass es zum Beispiel mehr Kaiserschnitte gibt?"

Dr. Arning: "Ja, auf jeden Fall, das ist auch statistisch so.  Die Kaiserschnittrate in Krankenhäusern ist inzwischen bei 30 Prozent, war mal bei 16 Prozent, ist auf jeden Fall stetig angestiegen auch gerade dadurch, dass viele VIP-Personen Wunschkaiserschnitte durchführen lassen. Da gibt es viele Beispiele aus der Prominentenwelt, die das dann gewählt machen und ich denke viele Leute glauben, dass es jetzt dazu gehört, dass man das so schonend, schmerzfrei mit PDA und Kaiserschnitt am einfachsten durchführen lassen kann. Das ist auf jeden Fall die Entwicklung, die ich schade finde.
Es wird glaube ich unterschätzt, was der Kaiserschnitt sowohl physisch als auch psychisch für Mutter und Kind bedeuten kann."

SE: "Haben Sie noch einen Literaturtipp für uns?"

Dr. Arning: "Ja, es gibt zwei positive Schwangerschaftsbücher finde ich, die eben nicht Angst machen. Das ist einmal ein kleines Nachschlagewerk, das heißt „Glücklich schwanger von A bis Z“ und dann „Das Mami Buch“, das ist wirklich fürs erste Kind sehr schön. Es ist toll gemacht. Ich habe das mal durchgearbeitet und das sind vernünftige, gute Informationen und es ist trotzdem sehr emotional."

SE: "Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch."

Das Gespräch mit Dr. Arning führte Nikola Materne.
 

Linktipps:

- www.bzga.de
Die Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

- www.profamilia.de
Hier findet man die Seite der Profamilia

Buchtipps:


"Das Mami Buch: Schwangerschaft, Geburt und die zehn Monate danach",

Katja Kessler, Coppenrath Verlag


"Glücklich schwanger von A - Z:
Gut beraten: Über 200 Stichworte von Aquajogging bis Zeckenbiss",

Renate Huch, Trias