Hoffnung und Resilienz

Starke-Eltern sprach mit Diplom-Psychologin Claudia Weinspach, Mitautorin des Buches: „Hoffnung und Resilienz: Therapeutische Strategien von Milton H. Erickson“ über das Thema.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Dipl.-Psychologin Claudia Weinspach:

SE: "Was versteht man in der Psychologie unter dem Begriff Resilienz?"

Dipl.-Psychologin Claudia Weinspach: "Das interessante an dem Begriff ist, dass er gar nicht aus der Psychologie, sondern aus dem physikalischen Bereich der Materialprüfung kommt und sich auf die Eigenschaften eines Materials bezieht, sich nach Druck oder Verformung wieder in seinen  ursprünglichen Zustand zurück zu bewegen. Das ist ein bisschen so ähnlich wie das Prinzip eines Stehaufmännchens. Es beschreibt die psychische Widerstandsfähigkeit und Robustheit oder auch die Fähigkeit, trotz widriger Umstände, erschwerenden Einflüssen zu widerstehen und sich weiter „normal“ zu entwickeln."

SE: "Was trägt dazu bei, dass jemand eine resiliente Person wird?"

Dipl.-Psychologin Claudia Weinspach: "Da sind auf der einen Seite die Ressourcen, die eine Person mitbringt, zum Beispiel, ob sie das Gefühl hat, dass sie  Kontrolle über diese Welt hat. Das nennt man auch „Selbstwirksamkeit“ oder „Selbstvertrauen“. Dann, ob es bei der Person bestimmte Problemlösungsfähigkeiten gibt und die Fähigkeit, insgesamt zuversichtlich durchs Leben zu gehen. Außerdem sprechen wir noch von sozialen Ressourcen; das ist alles, was auf der Beziehungsebene geschieht. Es reicht schon eine wirklich stabile emotionale Beziehung zu einem nahen Menschen, das kann ein Elternteil sein oder auch eine andere Bezugsperson beispielsweise die Großeltern oder enge Freunde. Gut in der Beziehung ist eine Mischung aus Selbstvertrauen und „sich Anvertrauen“, so etwas wie: „Ich kann alleine“ und „Ich bin aufgehoben“. Damit zusammenhängend: Offenheit und Wertschätzung in diesem Klima zu erfahren. Wenn wir über Kinder sprechen, zu denen die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen stattgefunden haben, dann sind dies alles Merkmale eines guten Erziehungsklimas. Die Erfahrung von Zusammenhalt und Stabilität in einer Familie und ein konstruktiver Umgang, miteinander, wenn es schwierig wird, sprich, wenn es Konflikte gibt. Ja, und Bedeutung im Leben, Lebenssinn, ist etwas, das sehr wichtig ist; meint: wenn ich etwas in meinem Leben habe, wonach ich mich ausrichte. Dabei spielt keine Rolle, ob das, woran ich glaube, etwas Religiöses ist oder ein Mensch oder eine Aufgabe. Wichtig ist das persönliche Erleben eines Menschen, dass etwas Relevantes für sein Leben vorhanden ist."

SE: "Sind die personalen Ressourcen angeborene Faktoren oder sind das auch Faktoren, die erlernt werden?"

Dipl.-Psychologin Claudia Weinspach: "Grundsätzlich sowohl als auch. Es gibt einen Teil, den man „mitbekommen“ hat und natürlich sind genetische Faktoren immer wirksam, aber es ist auch so, dass man Resilienz lernen kann und dass dieser Prozess in der Psychotherapie unterstützt werden soll. Zum Beispiel würde man in der Therapie immer daran arbeiten, dass jemand sein Selbstvertrauen weiterentwickelt und mehr Zuversicht in die eigene Selbstwirksamkeit bekommt, also das Gefühl: “Das was ich tue hat auch einen Effekt.“ Oder eben, wie vorhin erwähnt, dass es so etwas gibt wie einen Lebenssinn, etwas, was im Leben außerhalb der eigenen Person von Bedeutung ist. Und nach wichtigen Beziehungen Ausschau zu halten, das sind alles Faktoren, die mitspielen und auf die man zumindest teilweise aktiv Einfluss nehmen kann."

SE: "Sie gucken also in der Therapie nicht nur auf negative Erlebnisse, die verarbeitet werden sollten, sondern versuchen auch, die Resilienzfähigkeit zu steigern?"

Dipl.-Psychologin Claudia Weinspach: "Ja, genau. Ich bin darauf gekommen, weil ich mich mit Milton Erickson beschäftigt habe, der Psychiater und Hypnotherapeut war und selber schwer belastet vom Schicksal durch seine Polio-Erkrankung mit 17 Jahren, die dazu führte, dass er an der Schwelle des Todes stand, fast vollständig gelähmt war und mühsam über einige Jahre neu erlernen musste, sich wieder zu bewegen. Später war er ein unglaublicher Meister darin, Ressourcen genau zu beobachten, vielleicht weil er selber so viel durchgemacht hat. Er konnte fast immer in den Menschen, die zu ihm kamen,  irgendetwas hervorrufen, was ihnen Hoffnung machte, was dann eine Kraft in Gang setzte, sich wieder für das eigene Leben zu engagieren, und damit ihre Resilienz weiter zu stärken. Das ist auch meine Erfahrung in meiner Therapiepraxis. Wenn ich mit Menschen arbeite, die irgendwann mal in ihrem Leben an irgendetwas geglaubt haben, dann kann man das in der Regel mit etwas Geduld auch wieder ausbuddeln. "

SE: "Glauben Sie, dass resiliente Eltern auch leichter ihren Kinder Resilienz beibringen können?"

Dipl.-Psychologin Claudia Weinspach: "Ja, unbedingt. Das ist das einfachste, das natürlichste. Wenn etwas ganz natürlich von den Eltern mitgegeben wird, weil Eltern diese Faktoren in sich tragen, dann haben sie auch starke Kinder, klar."

SE: "Das heißt, es ist also durchaus sinnvoll, wenn ich als Erwachsener versuche meine Persönlichkeit diesbezüglich zu entwickeln, weil ich das dann auch meinen Kindern weitergeben kann?"

Dipl.-Psychologin Claudia Weinspach: "So sollte es sein. Das sind ja sowieso Gesetzmäßigkeiten, die in verschiedenen Bereichen des Lernens und der Kindererziehung anwendbar sind und ist nichts, was nur mit Resilienz zu assoziieren ist. Kinder lernen am Modell. Es ist eine erstaunliche Beobachtung, wie viel Kinder einfach von Erwachsenen übernehmen, selbst wenn die das gar nicht als Erziehungsverhalten geplant und intendiert haben. Dann gucken sich Kinder etwas ab. Das gilt übrigens nicht nur für Eltern, das gilt auch für Lehrer, für Tutoren, für Übungsleiter im Verein usw., also für jeden, der näher mit Kindern zu tun hat. Und wenn ein Kind erlebt: Ich werde geschätzt, ich kann etwas bewirken, ich kann offen sagen, was mir wichtig ist und es ist ok., es gibt klare Regeln, da ist jemand, der macht sich was aus mir und wir halten zusammen und beim ersten Konflikt geht’s nicht gleich auseinander; wenn ein Kind das alles erlebt, das sind schon sehr gute Voraussetzungen.
Noch eine Anmerkung: Wenn Sie fragen, ob die Resilienz der Eltern auf ihre Kinder übertragbar ist, dann heißt die Antwort „ja“, aber das heißt nicht, dass es unverletzbare Kinder gibt, sondern dass die Kinder mit Schicksalsschlägen besser umgehen können, wieder aus ihren Nöten herausfinden und eine kreative Lösung finden."

Das Interview mit Frau Weinspach führte Nikola Materne für starke-eltern.de.


Dipl.-Psychologin
Claudia Weinspach

Buchtipps


"Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken"
Robert Brooks, Sam Goldstein, Klett-Cotta


"Kinder für die Krise stärken: Selbstvertrauen und Resilienz fördern"
Wolfgang Jaede, Herder