Magersucht: "Eltern trifft keine Schuld"

"Niemand führt einem die eigene Ohnmacht so deutlich vor Augen wie ein magersüchtiges Kind" - sagt Autorin Caroline Wendt, die sogar zwei magersüchtige Kinder hat. Im Teenageralter erkranken ihre Zwillingstöchter an Magersucht und hungern sich fast zu Tode. Beeindruckend schildert Wendt die Erfahrungen dieser Zeit in ihrem Buch "Mama, ich kann nichts anders!"
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Caroline Wendt

SE: "Frau Wendt, in Ihrem Buch lassen Sie den Leser zum Begleiter Ihrer Erfahrungen werden. Wir lernen Ihre Töchter Anna und Marie als starke Persönlichkeiten kennen. Wie sind die beiden in die Magersucht gerutscht?"

Frau Wendt: "Alles fing im Alter von knapp 14 Jahren in der Zeit rund um Weihnachten an. Marie fühlte sich zu dick und beschloss ein bisschen auf ihre Figur zu achten und etwas Diät zu halten. Ich fand das nicht bedenklich und konnte sie auch verstehen. Als junges Teenagermädchen ist man halt immer leicht unzufrieden mit der eigenen Figur. Fast jede Frau kennt das aus der eigenen Lebensgeschichte. Ich habe es ehrlich gesagt nicht besonders ernst genommen. Marie war schließlich überhaupt nicht dick oder übergewichtig. Sie hatten noch ein bisschen Babyspeck, okay. Aber das ist in dem Alter ja auch völlig normal. Doch Marie störte das und sie wollte einfach dünner sein. Und nachdem sie ihre Ernährung auf Diät gestellt hatte, ging plötzlich alles ganz schnell. Sie aß immer weniger, verzichtete schon in der Karnevalszeit, also gerade mal zwei Monate später, komplett auf Süßigkeiten und alles, was sonst irgendwie dick macht. Da wurde meinem Mann und mir klar, dass etwas nicht stimmt."

SE: "Woran bemerkten Sie genau, dass die Diät aus dem Ruder lief und eine Essstörung entstand?"

Frau Wendt: "Es wurde einfach alles total merkwürdig. Marie aß am Tisch kaum noch etwas oder gar nichts mehr und entschuldigte sich immer mit Ausreden, wie "Ach, ich habe mir vorhin schon so den Bauch vollgeschlagen" oder "Ich bin noch so satt von dem Brot eben". Auch das Naschen abends vorm Fernseher fiel aus, Marie aß keine Chips oder Schokolade mehr und natürlich wurde sie immer dünner. Die Argumentationsketten waren schon sehr ausgefeilt und wurden immer trickreicher. Maries Schwester Anna hat das überhaupt nicht gefallen. Sie mochte dann natürlich auch nicht mehr essen, als ihre Schwester so diszipliniert allem entsagte. Kurz vor Ostern setzten wir dann ein Limit: Bald ist Schluss mit Diät und Fasten, du musst wieder normal essen. Doch obwohl Marie versprochen hat, damit aufzuhören, konnte sie es nicht, sie steckte schon zu tief in der Magersucht."

SE: "Ihre beiden Zwillingstöchter erkrankten, Anna folgte auf Marie. Haben Sie dafür eine Erklärung?"

Frau Wendt: "Ja und Nein, man kann vieles nicht genau erklären, dafür spielen zu viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Anna und Marie waren immer sehr eng miteinander. Klar, das ist bei Zwillingen normal. Für Anna war es deshalb schwer auszuhalten, sich von der Essstörung der Schwester zu distanzieren. Marie wurde immer dünner und erhielt viel positive Rückmeldung. Anna wollte das vielleicht auch erleben oder ihrer Schwester nicht nachstehen. Gerade in der Pubertät haben Zwillinge neben den üblichen Schwierigkeiten, noch die Frage nach der eigenen Identität zu klären: Wer bin ich? Wie unterscheide ich mich von meiner Schwester? Zudem: Die Forschung beweist ganz aktuell wieder, dass die Anlage zur Magersucht bereits in den Genen steckt. Manche Menschen können einfach leichter hungern bzw. den Hungerreiz unterdrücken."

SE: "Wie ging es mit den Mädchen weiter?"

Frau Wendt: "Marie musste Pfingsten zum ersten Mal in eine Klinik. Sie hatte in 15 Wochen rund 15 Kilo abgenommen, wog nur noch knapp 40 Kilo. Anna blieb zu Hause, sie kämpfte noch mit der Magersucht, versuchte selbst damit klar zu kommen. Irgendwann war aber klar: Ohne Hilfe gewinnt auch bei ihr die Krankheit. Sie ging dann auch in eine Klinik."

SE: "Wie sind Sie damit umgegangen, Ihre beiden Mädchen hungern zu sehen?"

Frau Wendt: "Für Eltern ist das die Hölle. Gerade als Mutter ist man ja immer besorgt darum, dass es den Kindern gut geht, dass sie versorgt und behütet sind. Ich habe immer diesen Reflex in mir gespürt, sie zu füttern, sie zu nähren und zu pflegen. Das ist ein ganz starkes inneres Bedürfnis und es ist so unendlich schwer, damit immer vor die Wand zu laufen, denn natürlich wollten die Mädchen das überhaupt nicht. Je dringlicher ich sie gebeten habe, zu essen, desto stärker haben sie sich, bzw. hat sich die Magersucht in ihnen, dagegen gewehrt."

SE: "Wie hat sich die Krankheit auf Ihr Familienleben ausgewirkt?"

Frau Wendt: "Es war schrecklich. Wir haben unendlich viel gestritten. Ich habe den Mädchen Vorwürfe gemacht, sie haben mir Vorwürfe gemacht, aus Kleinigkeiten wurden Elefanten, ständig ist irgendwas eskaliert. Wir konnten nicht mehr als normale Familie am Tisch sitzen und haben ständig über das Essen diskutiert. Schlimm! Allerdings gab es daneben auch intensive Momente, in denen wir ganz nah beieinander waren und sehr offen reden konnten. Das waren meistens Momente, in denen die Magersucht mal "ausgeschaltet" war und ich wirklich wieder mit meinen Mädchen sprechen konnte."

SE: "Frau Wendt, Sie sprechen in Ihrem Buch von der Magersucht immer in der dritten Person. Warum?"

Frau Wendt: "Die Magersucht ist wie ein Schleier oder eine Maske, die sich über die betroffene Person legt. In ganz vielen Situationen spricht dann eben nicht meine Tochter, sondern ich höre die Sucht, die argumentiert und sich durchsetzen will. Vor allem bei allen Themen, die ums Essen oder Abnehmen gehen. Meine Töchter haben dabei zu allen Waffen gegriffen, sind zum Teil auch sehr verletzend und beleidigend geworden. Das hat mich natürlich getroffen, aber ich habe gelernt: Hier spricht nicht die Stimme meines Kindes, sondern die Magersucht mit all ihrer Härte und Macht. Man darf es dann einfach nicht persönlich nehmen und muss unterscheiden lernen."

SE: "Wie haben Sie gelernt, mit der Magersucht Ihrer Mädchen umzugehen?"

Frau Wendt: "Mein Mann und ich haben uns von Therapeuten helfen lassen. Zuerst dachten wir: Hey, wir sind gute Eltern, wie schaffen das alleine. Aber die Erfahrung hat gelehrt: Die Magersucht ist ein zu großes Problemfeld. Die Konflikte sind zu komplex und zu vielschichtig. Wir mussten lernen, uns zurückzunehmen, nicht übers Essen zu diskutieren, zum Beispiel. Das war kein leichter Weg. Vor allem, weil uns viele Ärzte und Therapeuten gleich den schwarzen Peter zugeschoben haben. Immer wieder musste ich mir anhören, dass ich eine zu starke Mutter sei. Indirekt wurde mir immer wieder mitgeteilt, dass es wohl mein Verhalten ist, was die Mädchen in die Sucht getrieben hat."

SE: "Und wie stehen Sie selbst dazu?"

Frau Wendt: "Natürlich hat mich das extrem belastet. Welche Mutter hört sowas schon gerne oder nimmt es auf die leichte Schulter? Aber mir wurde dann klar, dass die Therapeuten mich ja in einer Lebenssituation kennenlernen, die absolut extrem ist. Natürlich war ich zu dem Zeitpunkt, als die Mädchen bereits erkrankt waren, sehr fürsorglich und behütend. Und natürlich habe ich auch kontrolliert, ob sie essen. Aber das war ja auch ganz normal, ich habe schließlich um ihr Leben gebangt! Dass die Therapeuten von diesem Verhalten auf meinen generellen Charakter geschlossen haben, war ein Fehler und ich rate allen Eltern, sich hier selbst genau zu hinterfragen und zu reflektieren. Neue Untersuchungen beweisen immer wieder, dass Eltern kaum Einfluss auf die Entstehung einer Magersucht haben. Diese Schuldfrage ist fürchterlich und belastet die Familien in einem völlig unnötigen zusätzlichen Ausmaß. Vielmehr muss es in den Therapien vorrangig darum gehen, wie man dem Kind JETZT helfen kann, was die Eltern JETZT tun können, um die Situation zu verbessern."

SE: "Immer wieder geraten TV-Formate, wie "Germanys next Topmodel" und Co. in die Kritik, weil sie Mädchen falsche Schönheitsideale verkaufen. Haben die Medien auch Ihre Töchter beeinflusst?"

Frau Wendt: "Ich glaube nicht, dass es jetzt die eine oder die andere Sendung ist, die dazu führt. Es ist die Gesellschaft als solches. Wir alle empfinden dünne Menschen als schöner, gesünder, attraktiver oder sonst wie positiver. "Dünn sein" hat einen sehr hohen Stellenwert. Warum, kann ich nicht beurteilen. Ich habe nur erlebt, dass meinen Töchtern dieses Dünn sein sehr wichtig war und sie viel Beachtung für ihre Diät bekommen haben. Es gab Schulfreundinnen, die haben meinen Töchtern kurz vor der Klinikeinweisung ernsthaft gesagt: "Ich finde es total toll, wie dünn du geworden bist!" Da bin ich natürlich fassungslos. Aber es gab auch viele Erwachsene, die die Abnahme positiv bewertet haben, frei nach dem Motto: "Wow, dein Babyspeck ist weg, das steht dir aber gut!"

SE: "Gibt es einen Rat, den Sie anderen Eltern geben möchten?"

Frau Wendt: "Ja, unbedingt. Diäten bei Teenagern sollten kein Thema sein. Ändern Sie Ernährungsgewohnheiten, kochen Sie gesünder, machen Sie mehr Sport, aber lassen Sie nicht zu, dass sich Ihre 13jährige Tochter mit einer Diät beschäftigt. Kinder und Teenager sollten ungezwungen essen dürfen."

SE: "Wie geht es Ihren Töchtern heute?"

Frau Wendt: "Die beiden machen gerade ihr Abitur. Es ist nach wie vor nicht einfach mit dem Essen, aber die beiden sind stabil."

SE: "Liebe Frau Wendt, vielen Dank für das Gespräch und Ihre Offenheit. Starke-eltern.de wünscht Ihnen und Ihrer Familie alles Gute für die Zukunft."
Als junges Teenagermädchen ist man halt immer leicht unzufrieden mit der eigenen Figur. Fast jede Frau kennt das aus der eigenen Lebensgeschichte.
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Hier spricht nicht die Stimme meines Kindes, sondern die Magersucht mit all ihrer Härte und Macht. Man darf es dann einfach nicht persönlich nehmen und muss unterscheiden lernen.
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Zum Weiterlesen:

Titel
Ich kann nicht anders, Mama: Eine Mutter kämpft um ihre magersüchtigen Töchter
bu2© Knaur 2011
Autorin
Caroline Wendt
Zielgruppe Betroffene und Interessierte
Verlag Knaur TB (7. Februar 2011)
Kategorie Ratgeber
Bestellnummer 978-3426783870
Preis 9,99 €
Das Interview für starke-eltern.de führte Bettina Levecke