Schulwechsel - Eltern sind eine wichtige Unterstützung für die Kinder

"Eltern muss bewusst sein, dass der Wechsel auf die weiterführenden Schulen für Grundschüler eine große Lebensveränderung ist" - sagt Stefan Drewes, Bundesvorsitzender der Sektion Schulpsychologie beim Bundesverband Deutscher Psychologen (BDP) in Berlin. Im Interview erklärt der Psychologe unserer Autorin Bettina Levecke, was sich für die jungen Schüler nun alles verändert und wie Eltern ihrem Kind unterstützend zur Seite stehen können.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Herr Drewes:

SE: "Herr Drewes, nach den Sommerferien wechseln deutschlandweit viele hunderttausend Grundschüler in die Mittelstufe. Was bedeutet das für die Kinder?"

Herr Drewes: "Es ist eine große und bedeutsame Lebensumstellung. Das wird den Kindern auch oft selbst erst bewusst, wenn sie an der neuen Schule sind. Sie kommen aus dem eher kleinen, beschaulichen Rahmen der Grundschule und stehen plötzlich in einem großen Gebäude mit vielen fremden Räumen und Schülern. Hinzu kommen neue Lehrer, neue Fächer und auch größere Anforderungen. Jetzt wird von den Kindern erwartet, mehr Hausaufgaben zu bewältigen und dabei auch selbständiger zu arbeiten."

SE: "Macht das den Kindern Angst?"

Herr Drewes: "Das hängt natürlich immer davon ab, wie die Kinder auf den Wechsel vorbereitet wurden, aber auch von ihrer Persönlichkeit. Manche Kinder stecken das problemlos weg, andere müssen die ganzen neuen Erfahrungen und natürlich auch Herausforderungen erstmal annehmen und sich trauen."

SE: "Wie bereitet man sein Kind denn am besten auf den bevorstehenden Schulwechsel vor?"

Herr Drewes: "Eltern sollten sich selbst erstmal bewusst machen, was ihr Kind jetzt leisten muss. Mit dem eigenen, erwachsenen Horizont sieht man ja vieles gelassen und mit der nötigen Erfahrung. Eltern denken dann: "Na, das wird schon" und nehmen die Ängste oder Sorgen ihres Kindes oft auch zu sehr auf die leichte Schulter. Ich empfehle daher, mal wirklich zu versuchen, diesen Wechsel mit den Augen eines 10jährigen Kindes zu sehen. Was muss das Kind jetzt leisten? Muss es alleine Bus fahren? Kommt es vielleicht sogar alleine in eine neue Klasse? Wichtig ist es in jedem Fall, schon mal einen "Tag der offenen Tür" besucht zu haben und den Schulweg gemeinsam gefahren zu sein. So wird der erste neue Schultag weniger abstrakt."

SE: "Das Thema "Schulwechsel" ist ja im Vorfeld schon bei vielen Elterngesprächen und auch auf Elternabenden ein Riesenthema. Gerade bei unklaren oder knappen Empfehlungen stehen Eltern unter Druck: Schicke ich mein Kind aufs Gymnasium oder die Realschule? Wie geht man mit diesen Fragen gegenüber dem Kind um?"

Herr Drewes: "Eltern sollten Zweifel oder Bedenken an der Leistung des Kindes nicht mit dem Kind besprechen. Kinder brauchen jetzt nur eines: Ermutigung! Eltern sollten deshalb nach einer getroffenen Entscheidung ihrem Kind keinen Druck machen und z.B. Sätze sagen, wie: "Wenn du jetzt auf das Gymnasium gehst, musst du dich aber beweisen". Sowas setzt Kinder unter Druck und nimmt ihnen die Energie, die sie jetzt brauchen, um mit den vielen neuen Einflüssen motiviert und neugierig umzugehen."

SE: "Schwarzmalerei ist also verboten?"

Herr Drewes: "Absolut! Eltern sollten sich mit dem Kind auf den Schulwechsel freuen, diesen Lebensabschnitt fröhlich und positiv "verkaufen". Man kann allen Dingen mit Angst begegnen, man kann aber auch neugierig und offen sein, frei nach dem Motto: "Ich bin gespannt, was du an der neuen Schule alles erleben wirst und lernen kannst."

SE: "Und wenn es auf der neuen Schule nicht gut läuft?"

Herr Drewes: "Leistungsbezogen muss das am Anfang ja noch nichts bedeuten. Eltern sollten ihrem Kind mindestens ein halbes Jahr Zeit zur Anpassung gewähren, also keinen Zensurendruck machen, selbst wenn die Schulnote fällt. Das ist auch ganz normal! Viele Schüler verschlechtern sich erstmal, werden dann aber langsam und stetig wieder besser. Diese Phase sollte man nicht so ernst nehmen."

SE: "Vokabeln pauken, stundenlang Hausaufgaben machen, für Klausuren büffeln - in der fünften Klasse müssen die Kinder schon viele neue Herausforderungen meistern. Dürfen Eltern helfen, auch wenn es immer heißt, dass die Kinder selbstständig arbeiten sollen?"

Herr Drewes: "Man kann Kinder nicht einfach so ins kalte Wasser schmeißen und sagen, jetzt lerne mal schwimmen. Natürlich brauchen die Kinder die Unterstützung der Eltern, zumindest im ersten Jahr an der neuen Schule. Das heißt nicht, dass Eltern immer brav daneben sitzen sollen, wenn der Nachwuchs Hausaufgaben macht, Eltern sollen auch nicht zum Nachhilfelehrer werden, aber sie sollen begleiten und sanft unterstützen."

SE: "Was bedeutet das konkret?"

Herr Drewes: "Zum Beispiel Unterstützung bei der Organisation. Eltern dürfen sich die Termine für Klassenarbeiten vermerken und das Kind ans Lernen erinnern. Sie dürfen Vokabeln abfragen, Hausaufgaben kontrollieren oder abends mit dem Kind schauen, welche Fächer am nächsten Tag dran sind. So helfen sie ihrem Kind dabei, nicht ständig mit den falschen Büchern oder vergessenen Hausaufgaben in der Schule zu stehen. Das sorgt sonst natürlich für Frust!"

SE: "Mit welchen Problemen sollten Eltern rechnen?"

Herr Drewes:"Erstmal sollten Eltern mit gar keinen Problemen rechnen, sondern ihrem Kind ganz viel Zutrauen und Zuversicht rückmelden! Die Erfahrung zeigt aber, dass Kinder am ehesten unter Anpassungsproblemen leiden, zum Beispiel, wenn sie ohne die alten Freunde aus der Grundschule gewechselt haben. Oder das Kinder sich erstmal innerlich zurückziehen, um die ganzen neuen Einflüsse zu filtern."

SE: "Was empfehlen Sie Eltern, um ihr Kind bestmöglich zu unterstützen?"

Herr Drewes: "Eltern sollten versuchen, im Gespräch mit dem Kind zu bleiben. Dafür eignen sich entspannte Zeiträume ganz gut, zum Beispiel am Abend vor dem Zubettgehen. Verhöre am Mittagstisch bringen eher weniger, weil die Kinder dann selbst noch unter Stress stehen. Es ist wichtig, Anteil zu nehmen, an dem, was das Kind da gerade erlebt, zum Beispiel die Busfahrten in die Stadt oder die Oberschüler, die am Bahnhof stehen und Sprüche klopfen, der neue doofe Lehrer oder die Planung, bald auf Klassenfahrt zu fahren. Die neue Schule bringt eine Fülle von neuen Themen und Erlebnissen, die Kinder teilen wollen.

SE: "Eltern sollten also immer ein offenes Ohr haben?"

Herr Drewes: "Ja, unbedingt. Und dabei nicht gleich meckern und alles besserwissen, sondern zuhören und versuchen, zu verstehen. Dann erzählen Kinder auch gerne!"

SE: "Und wenn man wirklich merkt, da stimmt was nicht?"

Herr Drewes: "Dann gilt es, die Ursachen zu finden. Auch hinter starken Leistungseinbrüchen stecken manchmal Dinge, die überhaupt nichts mit den schulischen Möglichkeiten des Kindes zu tun haben. Vielleicht gibt es Probleme mit Klassenkameraden, vielleicht wird ihr Kind im Bus geärgert oder ein Lehrer verhält sich unfair. Bei der Recherche können auch Klassenlehrer, Vertrauenslehrer oder die Schulpsychologen weiterhelfen."

SE: "Lieber Herr Drewes, vielen Dank für das Gespräch."

Manche Kinder stecken das problemlos weg, andere müssen die ganzen neuen Erfahrungen und natürlich auch Herausforderungen erstmal annehmen und sich trauen.
Es ist wichtig,
Anteil zu nehmen,
an dem, was
das Kind da
gerade erlebt.