Alcopops

Immer jünger sind Kinder und Jugendliche, wenn sie das erste Mal Alkohol konsumieren, dazu tragen die umstrittenen Alcopops bei: Süße, pappige limonadenhaltige Getränke in knalligen Farben, denen aber Rum oder Schnaps beigemischt ist. Vor allem bei jungen Menschen sind diese Alcopops sehr beliebt. Eine Entwicklung, die Gesundheitsverbände, Drogenbeauftragten, Politiker aufgeschreckt hat. Über Alkoholmissbrauch bei Kinder und Jugendlichen hat die Redaktion von starke-eltern.de mit Dr. Ahmad Khatib ein Interview geführt. Er ist leitender Psychologe und Psychotherapeut an der Salus-Klinik in Friedrichsdorf, in der suchtkranke Menschen behandelt werden. Der 43-Jährige ist nicht nur Dozent, Lehrtherapeut und Supervisor bei verschiedenen Ausbildungsinstituten für Psychotherapie, sondern hält auch auf Anfrage Vorträge an Suchtberatungsstellen wie auch an auch Schulen, um Lehrer, Eltern und Schüler über Alkoholkonsum bei Kinder und Jugendlichen aufzuklären und zu sensibilisieren.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Dr. Ahmad Khatib

SE: "Herr Dr. Khatib, inwiefern haben Sie sich bereits mit dem Thema Alcopops befasst?"

Herr Dr. Khatib: "Alcopops ist ja zunächst nichts anderes als ein weiteres alkoholhaltiges Getränk. Es enthält vergleichsweise etwa soviel Alkohol wie Bier, kann also im Extremfall auch zu einem Alkoholproblem führen. Da wir im Rahmen unserer täglichen Arbeit mit den Umständen befassen, die zur Entwicklung eines Alkoholproblems führen, verdient das Phänomen Alcopops eine besondere Beachtung."

SE: "Was ist für Sie das Besondere an diesem Phänomen Alcopops?"

Herr Dr. Khatib: "Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst erläutern, was Menschen generell bezwecken, wenn sie Alkohol oder in anderen Kulturen auch alkblubandere Drogen konsumieren. Der Mensch ist in seiner Lebensführung bemüht, sein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten und dabei seine Grundbedürfnisse optimal zu befriedigen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Grundbedürfnis „Kontrolle“ zu: das heißt, die Mühe seine Gefühle, Gedanken und Handeln sowie seine körperliche Befindlichkeit unter Kontrolle zu halten. Dafür suchen wir soziale Beziehungen, Aktivitäten und Lebensaufgaben, die uns eine allgemeine Zufriedenheit im Leben ermöglichen und den Umgang mit unangenehmen Ereignissen erleichtern wie Misserfolge, Ablehnung, die unseren Selbstwert negativ beeinflussen. Alkohol und andere Drogen sind als Methode anzusehen, um den allgemeinen Bewusstseinszustand gezielt zu beeinflussen. Drogen sind ja Stoffe, die in unserem Zentralnervensystem verändernd wirken. Sie führen zur Lockerung der Assoziationen, Gefühle und Gedanken und machen insofern manches leichter, zu ertragen. Durch die Eigenschaften süß und bunt kaschiert man den Alkohol, damit wird er für die Jugendlichen leicht trinkbar. Dadurch konnte man beispielsweise auch Ratten und Katzen dazu verleiten, Alkohol zu trinken."

SE: "Können Sie den pharmakologischen Effekt kurz erläutern."

Herr Dr. Khatib: "Alkohol wirkt auf das Zentralsystem beruhigend, indem er die Nervenleitung generell hemmt. Er verflüssigt die Fette in den Zellmembranen, was die Reizweiterleitung im Nervensystem einschränkt. Dadurch können Erregungszustände wie Angst, Hemmungen oder Einsamkeit erträglicher werden. Durch die Alkoholeinnahme wird außerdem der Neurotransmitter Dopamin freigesetzt, der wiederum zur Ausschüttung von Glückshormonen führt, wodurch der Mensch ein positives Gefühl erfährt. In ähnlicher Form wirken auch alle Stoffe mit Suchtpotenzial. Bei einer Abhängigkeit von solchen Stoffen wird es für die Person - in körperlicher wie psychischer Hinsicht - nur schwer möglich sein, auf diese „Hilfsmöglichkeit“ zu verzichten."

SE: "Wir reden von Jugendlichen, die in der Pubertät sind, sich also in einem meist problematischen Lebensabschnitt befinden, der eher „unerträglich“ ist. Ist das der gefährliche Moment für die jungen Menschen, der sie sorgloser Alkohol konsumieren lässt?"

Herr Dr. Khatib: "In der Pubertät befindet sich der Mensch in einer Phase, bei der er viele prägende Erfahrungen für die weitere persönliche Entwicklung macht, vor allem, was den Umgang mit sozialen Erwartungen betrifft, Pflichten und Rechte, die einem zustehen. Dabei lernt der Pubertierende seine Fähigkeiten auszubauen, die Gefahren einzuschätzen, sein Moralsystem zu sortieren, auf Autonomie zu achten und Nischen zu finden, die ihm am wenigsten Stress bereiten, und solche, die am meisten Stress bereiten, zu vermeiden. Nehmen wir mal an, Zuhause herrscht ganz viel Stress, der Junge oder das Mädchen fühlt sich von den Eltern nicht verstanden. Sie werden viel kritisiert und viel von ihnen gefordert, ihre Person aber wenig gewürdigt. In den Cliquen macht er oder sie indes die Erfahrung, das Leben ist viel erträglicher. Es wird viel gelacht, die Person ist akzeptiert, keiner motzt sie an, dort ist sie willkommen. Wenn diese nette Menschen in dem Kreis Alcopops trinken oder Haschisch rauchen, dann gehört diese Aktivität wohl zum nett, fröhlich oder locker sein dazu. Wer das nicht praktiziert, ist ein „Spießer“. Da die Person bemüht ist, die Bindung zu den anderen herzustellen oder zu bewahren, um nicht als Außenseiter zu gelten, wird auch die Droge mit bereits positiver Erwartung probieren. Und wenn die Person durch die Einnahme von Alcopops tatsächlich die Erfahrung macht, dass es ihr leichter fällt, unangenehme Gefühle zu ertragen und viel mehr Freude zu empfinden, dann hat sie gute Gründe, den Konsum von Alkohol oder Drogen fortzusetzen."

SE: "Sehen Sie in den Alcopops eine Einstiegsdroge?"

Herr Dr. Khatib: "Gewiss. Wie ich schon sagte, durch die Beimischung von bestimmten Geschmacksrichtungen und Süßstoff, wird der Alkohol an die typischen Geschmacksvorlieben der Kinder und Jugendlichen – wie etwa süß - angepasst. Man manipuliert also den Alkohol bewusst, damit Kinder und Jugendlichen ihn trinken können. Dadurch wird es ihnen leicht gemacht, mit dem Alkoholkonsum schon sehr früh anzufangen. Durch den Konsum von solchen Stoffe erfährt der Jugendliche eine „Pseudokompetenz“, die Entwicklung von emotionalen und sozialen Fertigkeiten bleibt also zurück. Das ist auch der eigentliche Grund, warum das Gesetz den Konsum vom Alkohol vor einem bestimmten Alter verbietet."

SE: "Wer ist Ihrer Ansicht nach die Zielgruppe der Alcopop-Hersteller?"

Herr Dr. Khatib: "Eindeutig die Jugendlichen, wie die Werbung stets zeigt. Auf den meisten Bildern und Werbespots sieht man Jugendliche, denen man gute Stimmung und schöne Zeiten verspricht. Alcopops werden selten von Erwachsenen konsumiert."

SE: "Reicht die von Verbraucherministerin Renate Künast geplante Steuererhöhung von 83 Cent auf Alcopops Ihrer Meinung aus, um zu versuchen, den Konsum bei Jugendlichen zu reduzieren?"

Herr Dr. Khatib: "Jedes Vorgehen, das den Zugang der Jugendlichen zum Alkohol besser kontrollieren lässt, ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Falls die Erhöhung um 83 Cent ausreichen sollte, damit die Jugendlichen nicht oder weniger davon konsumieren, dann war es richtig. Wir wissen aber, je teurer eine Droge ist, je seltener sie verfügbar ist, und je weniger attraktiv sie dargestellt wird, desto weniger wird sie konsumiert. Prinzipiell müsste eine restriktivere Verkaufspolitik betrieben werden, damit die Kinder und Jugendlichen in Supermärkten nicht so leicht an Alcopops kommen. Auf alle Fälle sollte man die verführende Werbung unterlassen, die auf Jugendliche zugeschnitten ist und Lässigkeit, Coolness vermittelt. Restriktivere Gesetze können aber nicht die alleinige Lösung sein. Auch ist eine stärkere Aufklärung der Eltern und in Schulen gefordert. Das ist eminent wichtig. Ebenso notwendig ist die richtige psychologische Begleitung: mehr Verständnis seitens Eltern und Pädagogen statt Dramatisierung und Ächtung. Wenn das Kind nach Hause kommt und gesteht, Alcopops getrunken zu haben, nicht gleich den Teufel an die Wand malen, sondern aufklären. Aber Eltern dürfen auch nicht so tun, als sei das nur Limonade, sondern sie müssen die Kinder daran erinnern: „Was du da trinkst, ist Alkohol!“. Was man ferner nicht unterschätzen darf, ist die soziale und emotionale Unterstützung der Jugendlichen in ihren alltäglichen Krisen sind. Eltern dürfen sie nicht im Stich lassen und mit Verboten überhäufen."

SE: "Herr Dr. Khatib, haben Sie vielen Dank für das Gespräch."
Dr.-Khatib-gross
Dr. Ahmad Khatib
Jedes Vorgehen,das den Zugang der Jugendlichen zum Alkohol besser kontrollieren lässt, ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung.
Eltern dürfen die Jugendlichen nicht im Stich lassen und mit Verboten überhäufen.