Allergien - was kann man tun

In unserer 9-teiligen Reihe zum Weltgesundheitstag haben wir Ihnen verschiedene Experten in Interviews vorgestellt, die alle als Fachreferenten zu ihrem jeweiligen Sachgebiet auf dieser Veranstaltung Vorträge hielten. Zum 9. Teil mit dem Titel „Allergien – was kann man tun“, der in der Januar Ausgabe behandelt wurde, hatten wir jetzt Gelegenheit, mit Professor Dr. med. Ulrich Wahn vom Berliner Charité-Krankenhaus über die vielfältigen Aspekte des Phänomens der allergischen Krankheiten mit dem thematischen Schwerpunkt von Allergien bei Kindern zu sprechen. Professor Wahn ist neben seiner Tätigkeit an der Klinik im Bereich Pädiatrie m.S. Pneumologie/lmmunologie auch Vereinsvorsitzender des Präventions-und Informationsnetzwerk Allergie/Asthma e.V. (pina e.V.).

Nähere Infos finden Sie im Netz unter www.pina-infoline.de
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Prof. Dr. med. Ulrich Wahn

SE: "Jüngsten Studien zufolge ist die Häufigkeit von Asthma und Allergien bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen fünf Jahren drastisch gestiegen. Wo liegen die wesentlichen Ursachen für diese signifikante Zunahme?"

Prof. Dr. Wahn: "Bis heute haben wir keine völlige Klarheit über die Ursachen für diesen Trend. Es scheint so zu sein, dass insbesondere unsere Kinder mit ihrem empfindlichen Immunsystem eine größere Bereitschaft entwickeln allergisch auf Stoffe von Nahrungsmitteln oder Umweltallergenen zu reagieren als dies noch vor einer oder zwei Generationen der Fall war. Umwelt und Lebensstil könnten sich so verändert haben, dass diese Entwicklung möglich geworden ist. Welcher Faktor im einzelnen die größte Rolle spielt ist bis heute nicht bekannt."

SE: "Wie können Eltern das Entstehen von Allergien erkennen?"

Prof. Dr. Wahn: "Bei Hinweisen auf eine Neurodermitis, einen allergischen Schnupfen oder ein Asthma sollte ein Allergiebluttest erfolgen, der bereits vom Säuglingsalter an möglich ist."

SE: "Spielt übertriebene Hygiene bei den Allergieerkrankungen eine Rolle? Der Volksmund sagt: "Dreck ist gesund!" Müssen Kleinkinder in der Matsche spielen?"

Prof. Dr. Wahn:"Wir wissen dies noch nicht und sollten daher mit Empfehlungen sehr vorsichtig sein. Schließlich haben wir mit Hilfe der Hygiene gefürchtete Infektionskrankheiten und Seuchen der Vergangenheit erfolgreich bekämpft. Die allergologische Forschung ist an diesen Zusammenhängen interessiert, Empfehlungen sollten immer Risiken und Nutzen berücksichtigen und daher mit größter Vorsicht ausgesprochen werden."

SE: "Gibt es Unterschiede bei der Häufigkeit der Erkrankungen, die man am sozialen Gefälle festmachen kann, also Unterschiede von Stadtviertel zu Stadtviertel?"

Prof. Dr. Wahn:"Bestimmte allergische Manifestationen (z.B. Heuschnupfen) finden sich in Familien mit besonders hohem Bildungsniveau gehäuft. Auch für diese Beobachtung gibt es bis heute keine befriedigende Erklärung."

SE: "Der Kontakt zu Haustieren soll das Immunsystem stärken. Können Sie Eltern dazu raten, bei Allergieproblemen sich ein Haustier anzuschaffen?"

Prof. Dr. Wahn:"Auf keinen Fall! Weiter gilt, dass die Abschaffung von Haustieren bei allergiegefährdeten oder gar bereits allergisch erkrankten Kindern mit Hinweisen auf eine Tierallergie die Behandlungsmaßnahme der 1. Wahl darstellt."

SE: "Wie stark sind psychische Faktoren an der Krankheitsentstehung beteiligt?"

Prof. Dr. Wahn:"Die chronische Allergiekrankheit hat Konsequenz auch für den psychischen Bereich. Psychische Faktoren als Ursache für eine Allergie kann man wohl ausschließen."

SE: "Welche generellen Präventivmaßnahmen können sie Eltern für eine allergiefreie Entwicklung ihrer Kinder empfehlen?"

Prof. Dr. Wahn:"1. Stillen für mindestens 4 Monate, 2. Nicht rauchen, 3. Bei bekannter Allergieneigung in der Familie sollten keine Haustiere gehalten werden."

SE: "Spielt Passivrauchen eine Rolle bei der Entstehung von Asthma? "

Prof. Dr. Wahn:"Eindeutig Ja. Zahlreiche Studien haben dies belegt."

SE: "Welchen Faktor macht gesunde Ernährung bei der Prävention aus?"

Prof. Dr. Wahn:"Für Säuglinge gilt: "Breast is best!" Im Anschluss an die Stillperiode sollte immer dann einer ausgewogenen und vollwertigen altersentsprechenden Kleinkinderkost der Vorzug gegeben werden, wenn eine Diät nicht unbedingt erforderlich ist."

SE: "Neurodermitis ist bedauernswerter Weise auch auf dem Vormarsch. Warum gibt es immer noch keine effektiven Behandlungsmöglichkeiten für diese teuflische Krankheit?"

Prof. Dr. Wahn:"Gerade für die Neurodermitisbehandlung haben sich hochinteressante neue Therapieansatzpunkte ergeben. Neue Lokaltherapeutika stehen als Alternativen zum bewährten Cortison zur Verfügung. Sie scheinen gerade von Säuglingen und Kleinkindern gut vertragen zu werden. Die modernen ganzheitlichen Behandlungskonzepte in denen die Elternschulungen eine zentrale Rolle spielen haben sich sehr bewährt und werden bereits vielerorts in Deutschland angeboten."

SE: "Was raten Sie Eltern, die durch ihr neurodermitisches Kind einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt sind?"

Prof. Dr. Wahn:"Eltern sollten in die Lage versetzt werden, durch Wissen über die chronische Krankheit Neurodermitis weitgehend selbst Verantwortung für die Therapie zu übernehmen. Hier sind Neurodermitis Elternschulungen von allergrößter Bedeutung."

SE: "Mit dem bevorstehenden Frühling wird das Thema Heuschnupfen für die Betroffenen wieder hochaktuell. Wenn Kinder Heuschnupfen haben, sollte in jedem Fall eine Immuntherapie durchgeführt werden und wenn ja, in welchem Alter?"

Prof. Dr. Wahn:"Bei erheblichem Leidensdruck kann die Immuntherapie mit Spritzen nach dem 6. Lebensjahr begonnen werden. Sie mildert die allergischen Beschwerden und trägt dazu bei, die Entwicklung eines allergischen Asthma zu verhindern."

SE: "Prof. Dr. Wahn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch."

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Prof. Dr. med. Ulrich Wahn, Vereinsvorsitzender des Präventions-und Informationsnetzwerkes Allergie/ Asthma e.V.