Kinderfreundliche Stadtplanung

Prof. Dr. Knut Dietrich ist Professor für Sportpädagogik am Fachbereich Sportwissenschaft der Universität Hamburg. Neben seiner Lehrtätigkeit ist er Gründungsmitglied und wissenschaftlicher Leiter des Vereins "Hamburger Forum Spielräume e.V." - eine Initiative für Kinder in der Stadt. Im Mittelpunkt der Projektarbeit des Hamburger Forums Spielräume e.V. steht die Revitalisierung, Sicherung, Erweiterung und Gestaltung von Spiel- und Bewegungsräumen in der Stadt. Dadurch sollen die Bedingungen für eine gesunde motorische Entwicklung verbessert und Spielräume für Kinder und Jugendliche eröffnet werden. Starke-eltern befragte Prof. Dr. Knut Dietrich zum Thema "Kinderfreundliche Stadtplanung" im Hinblick auf die problematische Situation für Kinder, die in Großstädten leben.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Prof. Dr. Dietrich

SE: "Glauben Sie, daß eine kinderfreundliche Gestaltung unserer Großstädte durch Um- und Rückbaumaßnahmen überhaupt noch zu realisieren ist?"

Prof. Dr. Dietrich: "Wie immer die Lage der Städte und ihre Entwicklung aussieht, zur Notwendigkeit und Verpflichtung zu einer sozialen Stadtentwicklung für alle Gruppen der Bevölkerung gibt es keine Alternative. Das gilt in besonderer Weise für Kinder. Aber denen kann man nicht nur durch Umbau oder Rückbau den notwendigen Spielraum zum Aufwachsen schaffen. Ebenso wichtig für sie ist ein kinderfreundliches soziales Milieu. Und dies wird ebenso durch Familien- und Bildungspolitik geschaffen, wie durch Nachbarschaft."

SE: "Glauben Sie, daß ein direkter Zusammenhang zwischen der zunehmenden Zahl übergewichtiger Kinder und dem Mangel an Spielraum besteht?"

Prof. Dr. Dietrich: "Wer den Mangel an Spielraum beseitigt, kann noch nicht damit rechnen, auch die Übergewichtigkeit von Kindern zu beseitigen. Hier spielen noch andere Lebensgewohnheiten, vor allem die Art der Ernährung eine Rolle. Dennoch sind erfahrungsreiche Bewegung und eine positive Beziehung zum eigenen Körper entscheidende Voraussetzungen, der Übergewichtigkeit zu begegnen."

SE: "Sollten Kinder Ihrer Meinung nach an Städteplanungsprozessen beteiligt werden?"

Prof. Dr. Dietrich: "Ja, immer dann, wenn es ihre Belange direkt oder indirekt berührt. Dies gilt ebenso für die Planung, Erhaltung und Pflege von öffentlichen Spielräumen, wie für die Gestaltung von Bewegungs- und Spielraum in Kindertagesstätten oder in den Schulen. Trotz aller Bekenntnisse der Kommunalpolitik für eine Beteiligung von Kindern, wird die Forderung nach Beteiligung nur halbherzig erfüllt. Was kinderfreundlich ist, kann letztlich nur von den Kindern selbst bestimmt werden. Sie sind die „Experten“ ihrer eigenen Lebensverhältnisse."

SE: "Was würden Sie Eltern raten, die sich aktiv für die kinderfreundliche Gestaltung ihres Wohnumfeldes engagieren wollen?"

Prof. Dr. Dietrich:"Wenn Kinder die private Wohnumgebung verlassen, betreten sie den öffentlichen Raum mit all seinen Gefährdungen aber auch den notwendigen Erfahrungen in der Welt der Erwachsenen. Eigene Spielräume für Kinder (wie Kinderspielplätze) bieten den Kindern Schutz, aber sie isolieren sie auch von der Welt, in die sie hineinwachsen sollen. Eltern müssen den Kindern helfen, vor allem die gefährdenden Übergänge vom privaten Raum in die sich erweiternden Bereiche des öffentlichen Raumes zu gestalten. Gemeinsame Bemühungen der Eltern eines Wohnquartiers sind notwendig, und sie erzeugen, wie man weiß, soziale Netzwerke im Wohnumfeld."

SE: "Viele Eltern müssen mit ihren Kindern in Umgebungen – z.B. Hochhaussiedlungen – leben, die Kindern nur wenig Gelegenheiten zum Spielen bieten. Was können diese Eltern tun, um einen Ausgleich zu schaffen?"

Prof. Dr. Dietrich: "Wer z.B. mit seinen Kindern im sechsten Stock eines Hochhauses wohnt, muss den Übergang vom privaten in den öffentlichen Raum des Wohnumfeldes überbrücken. Um Kinder nicht zu sehr in den Räumen der Wohnung zu isolieren, müssen Erwachsene (Eltern, Großeltern, Freunde) für den Übergang und die Betreuung im öffentlichen Raum sorgen. Gut, wenn dann Freunde der Kinder verfügbar sind. Denn Spielgemeinschaften entwickeln sich nicht allein. Sie brauchen häufige Kontakte und gemeinsame Spielzeit. Hilfreich ist es, wenn Eltern Beziehungen zum Sportverein, zu Jugendclubs und anderen formellen und informellen Gruppen herstellen können. Es ist eine gute Erfahrung, dass auch die Eltern über ihre Kinder Bekannte und Freunde finden. Kinder sind ein guter Weg zum Aufbau von Nachbarschaft, und Kinder brauchen das dort mögliche positive soziale Milieu."

SE: "Können Großstädte Kindern überhaupt ein angemessenes Spiel- und Bewegungsumfeld bieten?"

Prof. Dr. Dietrich: "Angemessen wäre ein Wohnumfeld, in dem Kinder sich allein, selbstbestimmt und sicher bewegen können, wo sie andere Kinder treffen, Kontakte zu Erwachsenen haben, die sie kennen, ohne Gefährdungen ihren Aktionsraum schrittweise erweitern können, aus einer ihnen vertrauten Nachbarschaft das Stadtleben kennen lernen und Orte finden, in denen sie Spuren hinterlassen dürfen und die sie selbst gestalten können. In vielen Fällen ist dies eine unerreichbare Vision. Dennoch enthält sie Anregungen, wie man vorhandene, öffentlich genutzte Raumzonen für Spiel und Bewegung zurückgewinnen kann. Künstliche, allein für Kinder gestaltete, nur unter Begleitung der Eltern erreichbare und unter professioneller Betreuung nutzbare Räume sind ein unzureichender Ersatz."

SE: "Können Schulen, Kindergärten und Sportvereine – die entsprechenden personellen und finanziellen Möglichkeiten vorausgesetzt – den Mangel an Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten bei Kindern wenigstens teilweise ausgleichen?"

Prof. Dr. Dietrich: "Kindergärten und -tagesstätten, Schulen und Sportvereine verfügen über je eigene Möglichkeiten, die trotz geringer materieller und personeller Bedingungen die Chance eröffnen, Kindern eine bewegungs-, erfahrungs- und erlebnisreiche Umwelt zu verschaffen. Mehr als es bis jetzt geschieht müssten sie allerdings im lokalen Umfeld zusammenarbeiten mit dem Bestreben, alle im Wohnquartier verfügbaren Partner (Sozial- und Gesundheitseinrichtungen, Stadtplaner, Gartenbauämter, Verkehrsplaner, Kultureinrichtungen...) in die Bemühungen einzubinden. Sie können im lokalen Bereich eine Lobby für Kinder bilden."

SE: "Gibt es im Bereich „Kinderfreundliche Städteplanung“ gegenwärtig auch Ansätze, die Hoffnung machen?"

Prof. Dr. Dietrich: "In vielen Städten gibt es private und kommunale Initiativen, die sich bemühen, die Lebensbedingungen kinderfreundlich zu gestalten. Kindern Spiel- und Bewegungsräume zu schaffen wird dabei als vordringliche Aufgabe verstanden. Erst wenn solche Aktivitäten im öffentlichen Bewusstsein als notwendige verankert sind und politisches Gewicht haben, können wir von Schritten für eine kinderfreundliche Stadt sprechen. Noch immer aber haben ökonomische Gesichtspunkte Vorrang bei der Stadtplanung. Die Lebensqualität, die eine Stadt ihren Bürgern bietet, ist an der Art zu prüfen, welche Lebensbedingungen sie ihren Kindern gewährt."

SE: "Gäbe es Sofortmaßnahmen, die Sie vorschlagen würden, um Kindern in Großstädten bessere Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten zu bieten?"

Prof. Dr. Dietrich: "Ausgehend von Kindergärten und Schulen müssten sich die Eltern im jeweiligen Stadtbereich zusammentun. Diese privaten Initiativen müssten politisch unterstützt werden durch die Jugendhilfeausschüsse des je zuständigen Stadtbezirkes. Die Stadtparlamente müssten Initiativen dieser Art fördern, ihnen Mittel und Raum geben. Stadtplanungsmaßnahmen müssten grundsätzlich auf Kinderfreundlichkeit hin überprüft und gegebenenfalls korrigiert oder zurückgewiesen werden."

SE: "Ist der motorisierte Individualverkehr überhaupt mit dem Konzept einer kinderfreundlichen Großstadt vereinbar, oder sollten Autos weitgehend aus den Städten herausgehalten werden?"

Prof. Dr. Dietrich: "Schon der ruhende Verkehr einer Stadt nimmt ein vielfaches dessen ein, was Kindern heute als Raum zur Verfügung steht. Er verhindert zudem das Spiel vor der Haustür und „um die Ecke“, das es Kindern ermöglicht, auch Zwischenzeiten zu Spiel und Begegnung zu nutzen. Das Spiel auf der Straße vor der Haustür stellt ein wichtiges Übergangsfeld zwischen privatem und öffentlichem Raum dar. Autos aus bestimmten Bereichen der Stadt zu verbannen ist bislang nur in Fußgängerzonen gelungen. Dies in Wohngebieten zu verwirklichen, würde eine neue Form der Stadtplanung erfordern, die die Mobilität der Bewohner auch ohne Auto ermöglicht."

SE: "Was würden Sie den deutschen Politikern gern mit auf den Weg geben?"

Prof. Dr. Dietrich: "Kinder sind die Zukunft unseres Landes. Stärkt die Familien, damit Kinder gewollt sind und es gut haben. Wir brauchen eine neue Kinderpolitik."

SE: "Prof. Dr. Dietrich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch."

Kontakt für weitergehende Informationen und Beratung: Hamburger Forum „Spielräume“ www.rrz.uni-hamburg.de/forum

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Prof. Dr. Knut Dietrich
Professor für Sportpädagogik,
Universität Hamburg;
Koordination und Wissenschaftliche
Leitung des
"Hamburger Forum
Spielräume e.V."
In Großstädten ist ein kinderfreundliches Umfeld , mit angemessenen Spiel- und Bewegungsfreiraum, in vielen Fällen eine unerreichbare Vision.
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Kinder sind die
Zukunft unseres Landes.