Passivrauchen und Kinder

Dr. Wolf-Rüdiger Horn ist niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Suchtbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ). Neben allgemeiner Pädiatrie sind seine Interessenschwerpunkte die ressourcenorientierte Psychotherapie sowie Gesundheitsförderung und Jugendmedizin (seit 1999 deutsches Mitglied der europäischen Arbeitsgruppe EuTEACH = European Training in Effective Adolescent Care and Health). Seit 1995 ist er Mitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Starke-eltern befragte ihn zu den Themen Passivrauchen, Effektivität und Möglichkeiten der Entwöhnung und Massnahmen des Gesetzgebers.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Dr. Horn

SE: "Wie groß ist die gesundheitliche Belastung von Kindern durch Passivrauchen in der Familie?"

Dr. Horn: "Sicher enorm und noch weitgehend unterschätzt. In Deutschland leben beispielsweise rund 50 % aller Kinder unter 6 Jahren in einem Haushalt, in dem mindestens eine Person raucht. In dieser Altersgruppe treten bei den betroffenen Kindern deutlich häufiger Infekte der Atemwege, auch Mittelohrentzündungen und Asthma auf. Auch der Plötzliche Säuglingstod ist leider sehr oft durch Passivrauchen mitverursacht."

SE: "Wie kann man Eltern deutlich machen, welchen Gefahren ihre Kinder durch Passivrauchen ausgesetzt sind?"

Dr. Horn: "Die meisten Eltern kennen die Risiken, wenn auch nicht in ihrem wahren Ausmaß. Breit angelegte und nicht mit Moral und Vorwürfen operierende Kampagnen wie z. B. in Norwegen und in den Niederlanden in den Medien und in der Öffentlichkeit müssten auch in Deutschland das Bewusstsein dafür stärken."

SE: "Können Nichtraucher (auch die Kinder) etwas tun, um sich gegen die unerwünschten Effekte des Passivrauchens zu schützen? "

Dr. Horn: "Leider können kleine Kinder sich nicht wehren. Nicht rauchende Ehepartner und größere Kinder haben da schon durchaus Chancen, ihre Bedürfnisse nach einer rauchfreien Wohnung und einem rauchfreien Auto zu äußern, und sollten sie auch nutzen."

SE: "Die meisten Raucher haben viele Genußmomente, die sie mit ihrer Zigarette verbinden – nach einem guten Essen etc. Was kann jemand, der aufhören will, tun, um diese Klippen zu umschiffen?"

Dr. Horn: "Er muss Alternativen entwickeln, am besten zusammen mit einem nichtrauchenden Partner oder in einer kleinen Gruppe. Im Internet oder durch Bücher gibt es viele Anregungen dazu. Sehr hilfreich sind auch Beratungstelefone wie das am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg."

SE: "Wie lange dauert im Durchschnitt eine Rauchentwöhnung? "

Dr. Horn: "Ganz unterschiedlich. Wer schon lange und viel raucht, braucht auch länger wegen der vielen Rückschläge. Leider ist das Aufhören auch schwieriger für Frauen. Die Abhängigkeit von Nikotin ist wesentlich schwerer als von anderen psychoaktiven Substanzen wie z. B. Alkohol."

SE: "Was halten Sie vom schrittweisen Aufhören?"

Dr. Horn: "Ist sicherlich auch eine gute Möglichkeit. Nach meinem Eindruck ist ein gut vorbereitetes "schlagartiges" Aufhören effektiver. Es kann durch zusätzliche Ausstiegshilfen wie Nikotinpflaster oder -kaugummis oder das Medikament Bupropion in vielen Fällen "abgefedert" und erleichtert werden."

SE: "Jemand will mit dem Rauchen aufhören – was ist die wichtigste Botschaft, die Sie persönlich ihm mit auf den Weg geben würden?"

Dr. Horn: "Gut vorbereiten, wenn möglich Unterstützung in Anspruch nehmen, einen günstigen Augenblick in Anspruch nehmen und sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen."

SE: "Bleibt die Nikotinsucht – auch wenn jemand mit dem Rauchen aufgehört hat – ein Leben lang bestehen? "

Dr. Horn: "Das ist so ähnlich wie mit dem Alkohol: der Suchtstoff ist überall sichtbar und erhältlich. Da ist es schon enorm schwer, z. B. in Stress- oder Krisensituationen nicht auf "altbewährte" Hilfen zurückzugreifen. Suchtmittel sind schon sehr potente, viele Vorgänge im Zentralnervensystem auslösende Substanzen. Das Loslösen kostet auf die Dauer viel Zeit und Kraft, aber es gibt hier kein Urteil "lebenslänglich"."

SE: "Tut der Gesetzgeber Ihrer Meinung nach genug, um Nichtraucher zu schützen?"

Dr. Horn: "Absolut nein, besonders in Deutschland ist die Tabakindustrie jahrzehntelang in eine sehr mächtige Position hereingewachsen, verfügt über sehr viele Verbindungen zu allen Parteien. Das macht eine Tabakkontrollpolitik, die dringend notwendig wäre, sehr schwer. Es werden ja nicht nur die Nichtraucher nicht ausreichend geschützt. Es gibt kein anderes Produkt, dessen Konsumenten so wenig Verbraucherschutz bekommen, wie die Raucher!"

SE: "Was halten Sie von aktuellen Maßnahmen wie den Hinweisen auf massive gesundheitliche Gefährdung auf den Zigarettenschachteln?"

Dr. Horn: "Solche Maßnahmen sind nur sinnvoll, wenn sie nicht nur schriftliche, sondern auch bebilderte Hinweise geben, wenn sie deutlich sichtbar sind, und vor allem wenn sie mit anderen Maßnahmen wie dem Verbot der Tabakwerbung, einer massiven Preiserhöhung und der Abschaffung von Zigarettenautomaten einhergehen."

SE: "Wären Sie für ein generelles Rauchverbot in Gaststätten und Restaurants?"

Dr. Horn: "Ja, sowohl im Interesse der dort Beschäftigten als auch der Besucher. In einem Land wie Deutschland wird es aber noch Jahrzehnte brauchen, um so etwas durchzusetzen."

SE: "Können Sie Bücher oder Broschüren empfehlen, die helfen, mit dem Rauchen aufzuhören?"

Dr. Horn: "Da gibt es ein Riesenangebot. Sehr gut ist die neu aufgelegte und kostenlose Broschüre der Deutschen Krebshilfe und des Deutschen Krebsforschungszentrums "Aufatmen: erfolgreich zum Nichtraucher" ( www.krebshilfe.de) . Sehr viel gelesen wird das Buch von Alan Carr "Endlich Nichtraucher"."

SE: "Rauchen Sie oder haben Sie selbst einmal geraucht?"

Dr. Horn: "Ich habe als Jugendlicher gelegentlich mal als Lehrling eine Zigarette mitgeraucht und auch mal eine Pfeife probiert. Hat mir aber nie geschmeckt. Geholfen hat mir dabei sehr wahrscheinlich, dass in der Familie außer einem "Sonntagsnachmittagskaffeezigarettchen" meines Vaters nie geraucht wurde. "

SE: "Dr. Horn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch."

Weitere Informationen zum Thema "Passivrauchen und Kinder" finden Sie in der Broschüre "Passivrauchende Kinder in Deutschland - Frühe Schädigungen für ein ganzes Leben". Sie können die Broschüre kostenlos unter

www.rauchfrei2004.de herunterladen
horn
Wolf-Rüdiger Horn
Suchtbeauftragter
des Berufsverbandes
der Kinder- und
Jugendärzte e. V. (BVKJ)
In Deutschland leben beispielsweise rund 50% aller Kinder unter 6 Jahren in einem Haushalt, in dem mindestens eine Person raucht.
In Deutschland ist die Tabakindustrie in eine sehr mächtige Position hereingewachsen - das macht eine Tabakkontrollpolitik die dringend notwendig wäre, sehr schwer.