Mehr Sicherheit - Kinderunfälle vermeiden

Der Schwerpunkt der jüngsten beruflichen Tätigkeit von Diplom Psychologin Martina Abel war die Entwicklung von Gesundheitsangeboten für Kinder und Jugendliche im Rahmen von Projekten der Gesundheitsförderung der Stadt Köln. Seit April 2001 beschäftigt sie sich intensiv mit dem Thema "Kindersicherheit". Seit 2003 hat sie die Geschäftsführung des Vereins "Bundesgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V." und war auch die Fachreferentin auf dem Weltgesundheitstag zu dem Thema: "Kinderunfälle verhüten". Starke-eltern.de hatte die Gelegenheit, mit Frau Abel ein aufschlussreiches, informatives Interview führen zu können.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Martina Abel

SE: "Es gibt einen bestimmten Typus von Eltern, beispielsweise, Paare, die sehr spät Kinder bekommen haben oder auch Eltern von Einzelkindern. Diesem Elterntyp wird nachgesagt, die Kinder vor allen Gefahren und Risiken beschützen zu wollen. Sie reagieren übersensibel auf etwaige Gefahrenquellen. Wird damit nicht die eigene Angst auf das Kind projiziert."

Frau Abel: "Man sollte sich das differenzierter anschauen. Gerade Eltern, die sich sehr ein Kind gewünscht haben oder erst spät Eltern werden, haben sich oftmals auch schon vieles an Informationen angeeignet. Und gerade dieser Informationsvorsprung kann viel Positives bewirken. Ich würde davor warnen, das zu verallgemeinern. Auf der anderen Seite ist es schon wichtig, dass man Kinder nicht in Watte packt und nicht vor lauter Angst das Kind daran hindert, seine elementaren eigenen Erfahrungen machen zu können. Ohne diese lehrreichen Erfahrungen können sich Kinder nicht ihrem Alter entsprechend weiterentwickeln und an Sicherheit gewinnen."

SE: "Was sagen Sie zur Aussage mancher Eltern: Das Kind muss seine Erfahrungen selber machen, wenn's weh tut, weiß es beim nächsten Mal Bescheid."

Frau Abel: "Ich finde, dass man Kinder davor schützen muss, dass sie sich weh tun. Soweit muss man es einfach nicht kommen lassen. Nichts spricht dagegen, Kinder experimentieren zu lassen. Das aber bitte gezielt, kontrolliert und unter Aufsicht. Das ist also genau das Gegenteil von dieser Haltung, wie Sie sie in Ihrer Frage beschrieben haben. Vielleicht verbirgt sich in einer solchen Grundhaltung auch, dass Eltern vielleicht zu bequem sind, sich fürsorglich um solche Dinge ausreichend kümmern zu wollen. Zum Glück ist diese absolute "Laissez-faire Haltung" rückläufig in Deutschland. Eltern gehen eher autoritär - im positiven Sinn der Bedeutung - mit ihren Kindern um."

SE: "Gibt es bei Kindern eine bestimmte Altersspanne, in der die Gefährdung zu verunfallen besonders hoch ist?"

Frau Abel: "Es gibt mehrere Altersstufen, die für bestimmte Unfallarten typisch sind. Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren ziehen sich eher Verletzungen im häuslichen Umfeld zu, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass diese Kinder einfach mehr zuhause sind. Zudem haben sie von der Entwicklung her viel weniger Möglichkeiten, mit Gefahren umzugehen. Dann gibt es noch mal einen auffälligen "Höhepunkt" bei 10 - 12jährigen Kindern. In dieser Alterspanne häufen sich deutlich die Fahrradunfälle und es passieren mehr Unfälle im Freizeitbereich. Das ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass die Risikobereitschaft steigt. Das Kind will mehr ausprobieren, will seine Grenzen ausloten."

SE: "Lassen sich Unterschiede bei den Geschlechtern feststellen?"

Martina Abel: "Jungen sind häufiger von Unfällen betroffen als Mädchen. Allerdings ist der Unterschied nicht so gravierend, wie man vielleicht vermuten könnte. Statistisch betrachtet liegen die Unfallzahlen bei Mädchen und Jungen in einem Verhältnis von ca. 40 % zu 60 %. Die Gründe dafür sind nahe liegend. Jungen bewegen sich mehr als Mädchen, sind aggressiver, wollen sich körperlich behaupten, sind vielleicht auch mutiger oder risikofreudiger. Das kann natürlich schnell mal zu brenzligen Situationen führen."

SE: "Bewegungsunsicherheiten der Kinder, also Defizite bei Koordination und Feinmotorik, sollten ja eigentlich ausschließlich ihre Ursachen in der jeweiligen Entwicklungsstufe der Kinder haben. In letzter Zeit wird allerdings heftig darüber diskutiert, dass sich der Bewegungsmangel der Kinder in unserer heutigen technisierten Gesellschaft auch in den Unfallstatistiken widerspiegelt. Ist dieser Zusammenhang zwischen Unfällen und Bewegungsmangel so richtig?"

Frau Abel: "Diese Diskussion wird genährt und unterstützt durch ganz klare Studienergebnisse, die belegen, dass Kinder bestimmte ihrem Alter angepasste nötige motorischen Fähigkeiten heutzutage einfach nicht mehr besitzen. Wer sich nicht sicher und geschickt bewegen kann, hat eine höheres Unfallrisiko. Im Umkehrschluss: Wer geschickt ist und gute koordinative Fähigkeiten hat, kann sich beim Stürzen besser abfangen, kann Gefahrensituationen besser erkennen und hat einfach einen viel breiteren Bewegungsspielraum, um auf Gefahren reagieren zu können. Geschickte und bewegungserfahrene Kinder haben weniger Unfälle. Bewegungsarme Kinder, die nur mit der Chipstüte vorm Fernseher bzw. Computer sitzen, haben ebenfalls weniger Unfälle. Das mag sich paradox anhören. Nur wenn sich ein Kind gar nicht bewegt, passiert ihm eben weniger. Dennoch fehlt diesem Kind ein ganz wichtiger, elementarer Erfahrungsbereich, verbunden mit mehr Selbstsicherheit und Kontakt zu Anderen. Das hängt letztlich auch alles mit Bewegung zusammen. "

SE: "Bewegungsmangel kann durch Toben im Freien bestens kompensiert werden. Jetzt hat die Zeitschrift Öko Test unlängst eine stichprobenartige Bestandsaufnahme des Zustands der deutschen Spielplätze gemacht. Unter 150 getesteten Plätzen hatte der TÜV nur bei 10 keine Bedenken. Was sagen Sie zu dieser Studie?"

Frau Abel: "Mir sind auch andere Studien vom TÜV bekannt, in denen dann - von der Relation ähnlich gelagert - die Zahl 8 von 10 getesteten Spielplätzen auftaucht, die Mängel aufweisen. Es ist leider so, dass solche Mängel durch Materialverschleiß, Abnutzung und Vandalismus entstehen und dass Geräte, die von der Qualität gut sind, nicht gewartet und Schäden nicht behoben werden. Da sind viele in der Pflicht. Erstens die Spielplatzbetreiber, die eigentlich wöchentlich die Spielplätze inspizieren und zumindest einmal im Vierteljahr eine ausgiebige Kontrolle machen müssten. Da fehlt dann aber oftmals das Geld. Die Stellen sind sehr knapp besetzt. Kontrollen werden nicht von Fachleuten gemacht, sondern von Personen, die eigentlich eher für den Beschnitt von Hecken zuständig sind. Bei großen Trägern gibt es schon geschultes Fachpersonal, doch bei überwiegend vielen kleinen privaten und chronisch finanzschwachen kommunalen Betreibern darf dann auch der Hausmeister ran. Und so werden viele Mängel erst gar nicht diagnostiziert und wenn doch, dann fehlen zur fachmännischen Reparatur die Mittel. So bleiben die Unfallrisiken monatelang bestehen."

SE: "Wie sollten Eltern auf diese Missstände reagieren."

Frau Abel: "Sie müssen sich beschweren. Erstens sollte der Spielplatzbetreiber angerufen werden. Meistens gibt es ein Schild am Spielplatzeingang, auf dem der Betreiber aufgeführt ist. Sollte kein Schild vorhanden sein, kann man sich auch mit der Polizei in Verbindung setzen und nach dem Namen und der Rufnummer des Betreibers fragen. Wichtig ist, dass der Betreiber unbedingt über die Zustände informiert werden muss. Denn wenn der Schaden gemeldet wurde und es passiert hinterher etwas, ist zumindest klar, dass der Betreiber dafür haftbar ist, da er den Schaden ja kannte. Als weitere Maßnahme kann nur empfohlen werden, die Politiker aufmerksam zu machen. Wenn man sich bei Kommunen als Träger beschwert, bekommt man oftmals von netten Sachbearbeitern zu hören: Wir würden gerne, wir wissen es auch, aber dafür ist leider kein Geld vorhanden. Und das ist dann Sache der Politik, die die Hierarchie ihrer Prioritäten vielleicht mal überdenken sollte. Statt neuer Blumenbeete oder anderer netter Verschönerungsmaßnahmen wäre das Geld bestimmt nicht schlecht in sichere und kindgerechte Spielplätze investiert, ganz im Sinne der Zukunft unserer Kinder. Was Eltern darüber hinaus ganz praktisch umsetzen können, ist ein so genannter Spielplatzcheck, der auch mit den Kindern gemeinsam gemacht werden sollte. Eltern können mit ihren Kindern die Spielgeräte nach möglicherweise gefährlichen Stellen untersuchen. Müssen die so gefährlich bleiben? Wenn ja, ist Vorsicht geboten. Wenn nein, was müsste dafür getan werden, sie ungefährlicher zu machen? Ich will das mal an einem einfachen Beispiel aus dem Schulalltag verdeutlichen: Eine Schule hat ein defektes Treppengeländer. Die Kinder turnen auf dem Geländer und laufen Gefahr, sich dabei zu verletzen. Sie reden mit den Kindern, machen die Gefahren bewusst und sagen ihnen, sie sollen sich davon fernhalten. Wenn die Kinder halbwegs vernünftig sind und ansprechbar, kann diese erste Maßnahme schon mal funktionieren. Parallel dazu muss unbedingt der Hausmeister informieren werden. Lehnt dieser eine Reparatur aus irgendwelchen Gründen ab, müssen sie sich bei der Schulleitung beschweren. Es ist also ein stufenweises Vorgehen. Zuerst den Schaden erkennen, abwägen, was getan werden kann und dann die entsprechenden Stellen aufsuchen und dort auf die Probleme beharrlich aufmerksam machen. Wichtig ist einfach, mit offenen Augen durch die Welt gehen. Anders verhält es sich bei Aufsichtpersonen, etwa in einem Sportverein im Kindergarten usw. ...das ist sicherlich schwieriger als die Diagnose einer kaputten Treppe. Dennoch sollten Eltern auch hier den Mut haben, bei Verdacht das Verhalten von Trainern, Betreuern ... durchaus kritisch zu beleuchten. Müssen bestimmte Übungen beim Turnen unbedingt sein, sind diese nicht zu riskant oder erscheinen ungeeignet für die Altersstufe. Findet ein richtiges Aufwärmen statt. Gibt es Sicherheitsmatten, leistet der Trainer Hilfestellungen. Solche Fragen müssen unbedingt erlaubt sein. "

SE: "Ist nicht die ständig steigende Verkehrsdichte einer der wesentlichsten Gefährdungen für Kinder?"

Frau Abel: "Die Verkehrsunfallzahlen sind sehr stark gesunken in den letzten Jahren, nicht nur die tödlichen Unfälle, sondern auch die Zahl der Verletzten. Bei der Häufigkeit von Unfällen mit tödlichem Ausgang ist der Straßenverkehr nach wie vor an erster Stelle. Vergleicht man allerdings die Zahlen bei Unfällen mit mehr oder weniger schwierigen Verletzungen, spielt der Straßenverkehr nicht mehr die vorrangige Rolle. Die Ursache dafür liegt eindeutig in einer deutlichen qualitativen Verbesserung der Sicherheit im Straßenverkehr und das trotz der enormen Verkehrsdichte, mit der wir heute leben müssen. Bestimmte gesetzliche Regelungen wie Anschnallpflicht, Tempo 30, verkehrsberuhigte Zonen, Helmpflicht für Fahrradfahrer, Kindersitze sind Maßnahmen, die sich bewähren. Es wurde viel für die passive Sicherheit getan. Straßenplaner sind ständig damit beschäftigt, Brennpunkte zu entschärfen, Übergänge sicherer zu gestalten. Auch die Polizei versucht mit verkehrserzieherischen Maßnahmen Kinder für die Gefahren des Straßenverkehrs zu schulen. Dieses Beispiel zeigt, dass man eine Menge mit gezielten Maßnahmen erreichen kann. Leider sind diese Aktivitäten weitgehend auf den Verkehr beschränkt. Der Heim- und Freizeitbereich wird dagegen stiefkindlich behandelt. "

SE: "Was können Eltern tun, um Unfällen in der häuslichen Umgebung und im Freizeitbereich vorbeugen zu können?"

Frau Abel: "Für die passive Sicherheit gibt es natürlich eine Reihe von geeigneten und notwendigen Maßnahmen. Als Beispiel: Brandschutzmelder im Haus, Einzäunen des Gartenteichs, Schutzausrüstungen für bestimmte Sportarten wie Inline-Skaten, Skateboard oder Fahrradfahren. Wenn man auf die aktive Sicherheit schaut. Da kann man im Grunde nur raten: Bleiben Sie immer mit Ihrem Kind im Gespräch. Wie gut kann sich mein Kind seinem Alter entsprechend bewegen? Was begreift mein Kind, was kann es bewältigen, was darf es ausprobieren? Über Sicherheit reden, Dinge gemeinsam ausprobieren, die Kinder begleiten bei wichtigen Erfahrungen wie zum Beispiel der ersten Fahrt auf dem neuen Roller. Und ganz wesentlich: Mit gutem Beispiel vorangehen, denn der Nachahmungseffekt ist gewaltig. Wie will ich meinem Kind klarmachen, wie wichtig das Tragen des Fahrradhelms ist, wenn ich selber keinen aufsetze."

SE: "Gibt es bei uns Bevölkerungsgruppen, bei denen Unfälle häufiger vorkommen?"

Frau Abel: "Es gibt klare Anhaltspunkte, dass sozial benachteiligte Kinder häufiger verunfallen. Zu diesem Problem werden auch in Deutschland erste Studien erstellt. Wir wissen zum Beispiel von Schulanfängern in Brandenburg, dass sie ein dreifach höheres Risiko haben zu verunglücken, wenn sie aus einer sozial schwachen Schicht kommen. Das ist in erster Linie auf den schlechten Bildungs- und Informationsgrad der Eltern zurückzuführen. Hinzu kommt das schlechtere Wohnumfeld an verkehrsreicheren Straßen und beengte Wohnverhältnissen."

SE: "Was sagen Sie zu der Binsenweisheit: Betrunkene und kleine Kinder fallen immer richtig!"

Frau Abel: "Absoluter Unsinn! Haben Sie sich schon mal Betrunkene nach einem Sturz angeschaut? Das kann sehr übel aussehen. Es stimmt vielleicht insoweit, als dass man sich wundert, dass nicht noch mehr passiert ist. Aus eigener Erfahrung sage ich: Meine Kinder sind auch gestürzt, es sah wirklich sehr schlimm aus, dennoch ist wie durch ein Wunder nahezu nichts passiert. Auf der anderen Seite gibt es zig Fälle, wo Unfälle tragischer ausgehen. Und da sollte man sich dafür hüten zu sagen, dass war jetzt Schicksal oder Gottgegeben. Es ist meistens eine Melange unglücklicher Umstände und darauf kann man im Vorfeld einwirken."

SE: "Frau Abel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch."

abel2
Martina Abel,
Diplom-Psychologin
Geschäftsführerin
Bundesarbeitsgemeinschaft
Mehr Sicherheit
für Kinder e.V.
unfaelle2
Manche Kinder zündeln gerne.
unfaelle3
Fahrradhelme können
Leben retten.
Eltern sollten mit gutem
Beispiel vorangehen