Die Kleinsten tragen das grösste Risiko - Kinder und UV-Strahlung

Prof. Dr. Breitbart hielt den Vortrag auf dem Weltgesundheitstag über Kinder und UV-Strahlung. Der Redaktion von starke-eltern.de gab er ein Interview zu diesem Themenbereich. Wir wollten wissen, wie groß sich die von ihm skizzierte Gefahr von Hauterkrankungen durch Sonnenlicht wirklich darstellt.
"starke-eltern.de" im Gespräch mit Prof. Dr. Eckhard Breitbart

SE: "Das Image unserer Sonne und ihrer wohltuenden Strahlen als Symbol für Wärme, Licht und Leben scheint durch den Anstieg der Hautkrebserkrankungen Schaden genommen zu haben. Wie groß ist die Bedrohung wirklich?"

Prof. Dr. Breitbart: "... die Sonne an sich ist gar nichts Gefährliches, scheint ja schon seit vielen Milliarden Jahren auf die Erde nieder. Die Menschen haben sich im Laufe ihrer Evolution je nach Region und Klimazone an die Sonne hervorragend gewöhnt. Ein Farbiger kriegt kaum Hautkrebs, da er durch seine zehntausend jährige Anpassung sehr gut geschützt ist. Ein weißer Kaukasier in Norwegen hat ebenfalls ein denkbar geringes Hautkrebsrisiko, da dort kaum die Sonne scheint und die Gesellschaften in diesen Regionen auch bis zum 2. Weltkrieg relativ bedeckt durch die Gegend gelaufen sind. Nach dem zweiten Weltkrieg ist dann die „Freikörperkultur“ entstanden, die Gesellschaften haben sich vollständig diesbezüglich geöffnet und man hat braune Haut entdeckt als Symbol für Gesundheit, Kraft und Schönheit. Und bereits in den fünfziger Jahren begann dann der „Tourismus in die Sonne“. Und da liegt dann auch der Ursprung des Anstiegs der Hautkrebserkrankungen."

SE: "Also Bräunungskult und Ozonloch als die wahren Ursachen?"

Prof. Dr. Breitbart: "Erstmal ist verändertes Freizeit- und Sozialverhalten die wichtigste Ursache. Das Ozonloch spielt eine nachgeordnete Rolle. In den fünfziger Jahren begann der Tourismus in die Sonne. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre stiegen dann die Hautkrebserkrankungen an, also ca. 20 Jahre nach dem Beginn dieser Bewegung und das ist genau die Latenzphase, in der der Hautkrebs dann entstehen kann. Und seitdem haben wir für alle drei Hautkrebsarten einen kontinuierlichen Anstieg, der heute immer noch anhält, sich ein wenig plateauisiert, aber ob es wirklich ein Plateau wissen wir noch nicht!"

SE: "Der Zeitspanne der Entstehung dieser Krankheiten beträgt generell 20 Jahre?"

Prof. Dr. Breitbart: "Hautkrebs hat 20 – 40 Jahre Vorlaufzeit je nach Individuum und je nach Art der Erkrankung."

SE: "Ist die von Ihnen angesprochene Plateauisierung, also das Einpendeln der Neuerkrankungen auf ein konstantes Niveau, darauf zurückzuführen, dass erste Aufklärungskampagnen von den Menschen angenommen und in der Praxis umgesetzt werden?"

Prof. Dr. Breitbart: "Genau! Diese Maßnahmen machen wir (= Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention: Anmerkung der Redaktion) jetzt seit 10 Jahren bundesweit. Wir haben auch nachgewiesen, dass die Vorbeugung funktioniert und die Leute sich deutlich besser verhalten, also ihr Sozialverhalten der Sonne angepasst haben. Dennoch reichen diese ersten Fortschritte bei weitem noch nicht aus."

SE: "Der Verlust der Ozonschicht verbunden mit der Intensivierung der Sonnenbestrahlung gilt in Australien und Neuseeland als eine der Hauptursachen für den dortigen Anstieg an Hautkrebserkrankungen."

Prof. Dr. Breitbart: "Über unserer Hemisphäre in Deutschland sind in den letzten 20 Jahren ca. 25 % Verlust der Ozonschicht zu verzeichnen. Jedes Prozent Ozonverminderung führt zu einer Erhöhung der Hautkrebserkrankungen von 1 –3 Prozent pro Jahr. Diese Auswirkungen sind gewaltig, sie werden aber erst im Jahr 2030 zu spüren sein, da die Vorlaufzeit der Hautkrebsentstehung berücksichtigt werden muss. Die Verringerung der Ozonschicht bedeutet ja ein vermehrtes Durchlassen der kurzwelligen UV-B Strahlen, die die Haut nachhaltig schädigen und im schlimmsten Fall nach 20, 30 oder 40 Jahren die Entstehung von Hautkrebs bewirken."

SE: "Wäre das Schönheitsideal der weißen Haut, wie es in den vergangenen Jahrhunderten galt, der richtige Zeitgeist, um der UV-Strahlung vorzubeugen?"

Prof. Dr. Breitbart: "Mit Schönheitsidealen ist es immer ziemlich schwierig. Da man weiß, dass diese präventiven Botschaften gar nicht anders rüberzubringen sind, sollte man nicht versuchen, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Man sagt, braun ist schön. Das ist in unserer Gesellschaft verankert und diese Überzeugung lässt sich so einfach nicht umstoßen. Es bräuchte fast zwei Generation, um so was wieder wegzukriegen. Man sollte das ruhig so belassen, es sollte allerdings heißen, „zartbraun“ ist schön und dagegen hat dann wirklich niemand etwas."

SE: "Gibt es im jahreszeitlichen Verlauf Belastungsspitzen, also Zeiträume, in denen die UV-Strahlung am intensivsten ist?"

Prof. Dr. Breitbart: "Belastungsspitzen treten insbesondere bei Leuten auf, die sozial etwas besser gestellt sind. Diese Menschen fliegen über Weihnachten in der kalten nassen Zeit 14 Tage in die Karibik. Die intermittierende Besonnung (unregelmäßige, mit Unterbrechung erfolgende Sonnenbestrahlung – Anmerkung der Redaktion), auch insbesondere der Kinder, hat eine ganz ernstzunehmende Folge. Denn diese Menschen entwickeln nachweislich durch die ungewöhnliche Sonnenbelastung mehr Melanome - den schwarzen Hautkrebs. Menschen, die aus beruflichen oder anderen Gründen eine chronische UV-Bestrahlung abkriegen – täglich ein wenig, dafür aber über den ganzen Jahreszeitraum verteilt, entwickeln eher ein Plattenepithelkarzinom * als Melanome."

SE: "Kinder halten sich gegenüber Erwachsenen viel häufiger im Freien auf. Wie groß ist die Bedrohung für die Kinder?"

Prof. Dr. Breitbart: "Der menschliche Organismus ist so gebaut, dass die kindliche Haut erst ab dem 12 – 13 Lebensjahr der Haut eines Erwachsenen vergleichbar ist. Bis dahin ist sie deutlich leichter zu schädigen. Der gesamte Abwehrmechanismus der kindlichen Haut ist bei weitem noch nicht so aktiv wie beim erwachsenen Menschen. Als Faustregel gilt: Säuglinge im ersten Lebensjahr brauchen keine UV-Strahlung und gehören niemals direkt in die Sonne. Jeder Sonnenbrand sollte unbedingt vermeiden werden. Das Tragen sonnengerechter Kleidung ist wichtig und sich als Familie in der Mittagszeit zwischen 11.00 – und 15.00 Uhr niemals in der Sonne aufhalten, da sich in Zeit 90 Prozent aller UV-Strahlen auf die Erde niedergehen."

SE: "Wenn Sie von sonnengerechter Kleidung sprechen. In den einschlägigen Broschüren werden Bekleidungsmaßnahmen empfohlen, wie etwa die Kinder mit Sonnenbrille, Hut, langen Hosen, langärmeligen T-Shirts und geschlossenem Schuhwerk vor der Sonne zu schützen. Wie realistisch ist so etwas in der Umsetzbarkeit im familiären Alltag? Der Protest der Kleinen über eine solche Art von "Vermummung" und die sich aufstauende Wärme scheint vorprogrammiert?"

Prof. Dr. Breitbart: "Das ist natürlich die Ideallösung. Das solche Ideallösungen nicht immer erreicht werden, wissen wir alle. Es gibt aber inzwischen genügend sehr positiv auch von Kindern akzeptierte Kleidungsstücke. Es braucht kein langärmeliges T-Shirt zu sein, den Rest der Haut können die Eltern mit einem Sonnenschutzmittel bestreichen. Kurze Hosen, die über das Knie gehen und ein Hütchen oder Kappe erfüllen voll ihren Zweck. Wenn die Kinder solche Bekleidung als etwas Selbstverständlich erleben, gewöhnen sie sich schnell daran. Wenn dann noch befolgt wird, in der Mittagszeit die Sonne zu meiden, sich also nicht der prallen Sonne auszusetzen, haben die Eltern alles richtig gemacht. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine wissenschaftlich evaluierte Studie aus Schweden. Kindergruppen durften ohne jede Information und ohne elterliche Betreuung alleine entscheiden, wo sie am Strand am liebsten spielen wollten. Und alle Kinder sind dahin gegangen, wo Schatten ist. Die logische Schlussfolgerung: Wenn man Kinder nichts sagt, gehen sie in den Schatten und spielen da. Und aus diesen Erkenntnissen haben die Wissenschaftler richtig geschlossen, dass wir in unserem gesellschaftlichen Sozialverhalten einfach unsere Kinder fehlleiten. Kinder haben sozusagen von Haus aus einen ganz klaren Instinkt, der sie richtig leitet."

SE: "Ist es denn bedenklich, wenn ein Kind viele Pigmentflecken aufweißt?"

Prof. Dr. Breitbart: "Das höchste relative Risiko des Menschen, im Laufe seines Lebens einen schwarzen Hautkrebs zu bekommen, ist die Anzahl gutartiger Pigmentmale. Wenn also ein Kind schon mit 10 Jahren weit über 40 – 50 Pigmentmale hat, dann ist dieses Kind prädestiniert dafür, später einmal mit einer hohen Wahrscheinlichkeit - die liegt in Europa zwischen 7 – 15 fach höher als bei Menschen, die eine solche Pigmentdichte nicht haben- ein Melanom zu kriegen. Das ist also ein gewisses Problem. Jetzt kommt noch erschwerend hinzu, dass diese gutartigen Pigmentmale durch frühkindliche Sonnenbrände erzeugt werden können. Elterliches Fehlverhalten, z.B. der Urlaub in südlichen Ländern mit zu hoher Sonnenbelastung für das Kind, führt also quasi zu einer Art Züchtung dieser Pigmentmale und macht das Kind zu einer Risikoperson."

SE: "Sollte man besser auf Reisen in sonnenintensive Länder verzichten?"

Prof. Dr. Breitbart: "Absolut nicht! Jeder kann fahren, wo immer er auf dieser Welt zu fahren gedenkt. Die Regel für den Umgang mit der Sonne ist eigentlich ganz einfach. Sie sollten sich immer so verhalten, wie die Bevölkerung, die dort lebt. In Italien oder Spanien finden sie niemals mittags Einheimische am Strand. Auch der ganze alltägliche Rhythmus ist den Gegebenheiten angepasst. Bis 11.00 Uhr wird gearbeitet, dann gibt es bis 15.00 – oder 16.00 Uhr Siesta und danach geht es mit dem regen Leben weiter. Auch in der Wüste wird man, von törichten Touristen mal abgesehen, niemals jemanden finden, der dort unbekleidet rumläuft."

SE: "Empfiehlt sich ein Solariumbesuch, um die Haut vorzubräunen und sich damit für die südliche Sonne zu stärken?"

Prof. Dr. Breitbart: "Auf gar keinen Fall! Der Reisende kann sich gerne am Strand aufhalten, befindet sich im Schatten und hat entsprechende Kleidung an. So wird man auch leicht braun, denn man bekommt auch so jede Menge UV-Strahlung ab. Vom Solariumbesuch zur Vorbräunung ist generell abzuraten, denn das potenziert ja nur den Schaden. Der UV-A Bereich, der langwellige Bereich, in den Solarien hat eine 10fach höhere Dosis als die natürliche Sonne. Und in dem Glauben, über das Solarium die richtige Vorbräune erreicht zu haben, legt sich der Tourist in der Karibik direkt acht Stunden an den Strand und belastet seine Haut erst richtig. Diese gesamte Summierung der UV-Strahlung kann nicht sinnvoll sein."

SE: "Würden Sie persönlich vom Solariumbesuch abraten?"

Prof. Dr. Breitbart: "Wenn Sie mich fragen. Solarium ist ein Genussmittel und nicht notwendig. Ich denke, das braucht kein Mensch wirklich. Es sagen viele Menschen, dass es ihnen im Solarium besser geht, dass sie dort etwas für ihr Wohlbefinden tun und sich gut entspannen können. Das ist bestimmt subjektiv richtig. Nur neben UV-Strahlung gibt ein Solarium ja auch sichtbares Licht und Wärme ab. Und was dem Menschen das Wohlbefinden bringt und antidepressiv wirkt, das ist das sichtbare helle Licht und das ist die Wärme. Diese beiden Dinge werden als höchst angenehm empfunden."


SE: "Bedauerlicherweise handelt man sich dabei die UV-Strahlung ein!"

Prof. Dr. Breitbart: "Mittlerweile gibt es aber auch sogenannte Lichtduschen als Mittel gegen Frühjahrsdepressionen, die Licht und Wärme wiedergeben, also dass, was der Mensch am Solariumbesuch so schätzt und ohne die negativen Begleitumstände. "

SE: "Vielen Dank für dieses Gespräch."
ProfBreitbartklein
Prof. Dr. E. Breitbart
Leiter des Dermatologischen
Zentrums Buxtehude