Professor Klaus Hurrelmann: Der Umgang mit Alkohol ist Erziehungssache

Professor Klaus Hurrelmann ist Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Er hat lange an der Universität Bielefeld gelehrt, seit 2009 ist er Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Er fordert ein Umdenken in der Gesellschaft: Eltern dürften das Thema Alkohol nicht aus der Erziehung ausklammern.
 

starke-eltern.de:
Sie fordern, dass der Umgang mit Alkohol zur Erziehungssache wird. Warum?

Klaus Hurrelmann:
Alkohol ist eine sehr weit verbreitete legale Droge, die in unserer Gesellschaft vielfältig genutzt wird. Es gibt viele Gewohnheiten und Rituale, so dass das Trinken von Alkohol als Kulturtechnik betrachtet werden muss. Kinder und Jugendliche in diese Techniken einzuführen, ist Aufgabe der Eltern. Das wird aber in der Regel nicht getan und hat – so zeigt es die Erfahrung – gefährliche Folgen.

Warum müssen Kinder Erfahrungen mit Alkohol machen?

Alkohol ist überall verfügbar, so dass Kinder und Jugendliche früher oder später sowieso damit in Kontakt kommen. Spätestens in der Gruppe der Gleichaltrigen bei der Jugendclique oder auf einer Klassenfahrt wird es dann tückisch. Die Kinder besorgen sich Alkohol und trinken, ohne die Wirkung einschätzen zu können. Da Alkohol verzögert wirkt, werden so Mengen aufgenommen, die zu echten Entgleisungen führen. Das hat dann nichts damit zu tun, dass die Kinder sich ins Koma saufen wollen, die wissen es einfach nicht besser, weil es ihnen niemand beigebracht hat.

Die meisten Eltern würden aber nie auf die Idee kommen, ihrem Kind schon in jüngeren Jahren Alkohol anzubieten. Das ist doch ein Tabu?

Ja, seltsamerweise ist der Trend in den letzten Jahren tatsächlich in die Richtung gegangen, dass in Familien das Thema Alkohol komplett ausgeblendet wird. Viele Eltern haben vielleicht die Hoffnung, dass eine Tabuisierung und Verbote dazu führen, dass die Kinder die Finger vom Alkohol lassen. Die Statistik zeigt aber ganz klar, dass das nicht der Fall ist. Vielleicht haben Eltern auch nicht den Mut, einen anderen Weg einzuschlagen, weil sie fürchten, dass das im Umfeld negativ ankommen könnte. Dabei wäre das so wichtig: Das einzige, was Kinder und Jugendliche wirklich vor dem Komasaufen schützt, sind Erfahrungen. Auch wenn die Eltern reden und erklären – diese ganze Theorie bringt so gut wie nichts. Kinder brauchen Praxis im Umgang mit Alkohol. Im geschützten Rahmen der Eltern können sie trinken und erleben, wie alkoholische Getränke wirken. Das trainiert die Wahrnehmung und die richtige Dosis.

Wie funktioniert das konkret?

Eltern müssen wissen, wann das Thema Alkohol für ihr Kind interessant wird. Das kann man nämlich so pauschal nicht sagen. Bei manchen ist es schon früh mit 10,11 Jahren, bei anderen etwas später. Das kann man durch Gespräche vielleicht ertasten. Wenn man merkt, dass das Kind Alkohol spannend findet oder schon erlebt hat, wie Freunde trinken, dann wird es Zeit den Umgang zu trainieren. Dazu ist es wichtig, passende Gelegenheiten zu nutzen. Alkohol sollte in enger Verbindung zu besonderen Ereignissen stehen – denn so ist seine kulturelle Nutzung. Wir trinken Alkohol in Gesellschaft zu besonderen Anlässen, um anzustoßen und etwas zu feiern. Das Kind kann dann auch einen Sekt bekommen oder ein halbes Glas Rotwein zum Essen. So bekommt es ein erstes Gefühl für die Wirkung von Alkohol. Wichtig dabei: Mit dem Kind reden und nachfragen, wie sich der Alkohol anfühlt. Dabei muss es natürlich klare Grenzen geben. Nach einem Glas Sekt ist Schluss. Anders verhält es sich bei Jugendlichen, die bereits negative Trinkerfahrungen haben. Hier kommen die Eltern mit der Erziehung etwas zu spät, können aber auch noch viel tun. Ich rate hier, sich mit dem Jugendlichen hinzusetzen und die Wirkung von Alkohol durch gezieltes Trinken zu üben. Wie fühlt sich die Wahrnehmung nach einer Flasche Bier an? Wie nach zweien? Kleine Übungen, z.B. etwas Zeichnen oder Rechnen, zeigen dann eindrucksvoll, wie einschränkend die Droge wirkt.

Was ist mit Kindern, die Alkohol nicht mögen oder nicht trinken möchten?

Wenn ein Kind überhaupt kein Interesse zeigt, sollte man es natürlich auf gar keinen Fall dazu zwingen. Hier sollte man einfach abwarten, ob es bei der Haltung bleibt oder sich die Ablehnung im Laufe der Zeit abmildert.